Kultur : "Die Alptraumfrau": Männer! Muskeln! Meer! - Wieder im Kino: Lothar Lamberts Film

Daniela Sannwald

Sie hockt vor dem Wäschekorb und sortiert die Unterhosen und Strümpfe ihrer Lieben: Breitbeinig im Mini-Schottenrock, mit einer Zigarette im nach unten gezogenen Mundwinkel wirkt sie trotz des um den Kopf gebundenen Tuchs kaum wie eine in ihren Pflichten aufgehende Hausfrau. Erst recht nicht, als sie eine Hand untern Rock in ihren Slip schiebt, die Augen schließt und an Meer, Sonne und schnurrbärtige Männer mit dunklen Locken auf Kopf und Brust denkt, während sie masturbiert. Auch wenn sie putzt, badet oder raucht, denkt sie an Männer. Und an das, was sie gern mit ihnen tun würde.

Deswegen wirkt Beate so abwesend - und überhaupt nicht wie eine normale Frau, finden ihr dauerglotzender Lebensgefährte und ihr Sohn. Und deswegen ist Beate in psychiatrischer Behandlung, allerdings bei einem sichtbar verkorksten Arzt, der kaum seine eigenen Probleme bewältigen kann. Aber der hat dafür seine liebe, mütterliche Freundin ... Auf grobkörnigem Schwarzweißmaterial hat Lothar Lambert diesen Film gedreht und den Ton nachsynchronisiert - das merkt man trotz der neuen, ungeschnittenen Kopie, die nun, 20 Jahre nach der Erstaufführung, ins Kino kommt. Der Film sperrt sich wie seine Heldin gegen das Konsumiertwerden; er stemmt sich dagegen mit aller Macht, und das heißt mit ungewöhnlicher Kadrage und Montage, mit hölzernen Dialogen, mit ungeschminkten, auch unansehnlichen Darstellern. Schon deshalb ist "Die Alptraumfrau", obwohl er viele pornografische Szenen zeigt, kein Männerkino im "Beate-Uhse-Stil", wie eine zeitgenössische Kritikerin es formulierte.

Auch der Vorwurf, der schwule Lothar Lambert verstehe nichts von weiblicher Sexualität, geht daneben, denn Lambert gestattet seiner Protagonistin sexuelle Aktivitäten, die das Mainstream-Kino bis heute Frauen schlicht verweigert. Auch in ihren Träumen. Aber nicht nur wegen seines expliziten Sex waren Lothar Lamberts Filme immer Underground. Sie sind Underground-Filme genau aus jenem Selbstbegriff, wie er im Amerika der Sechziger Jahre entstand: als dem anti-autoritären Geist verpflichtete Produktionen, und dies auch in Sachen Herstellung, Verleih und Rezeption abseits der üblichen Wege, eben im Underground. Das hieß low budget und unbezahlte Mitarbeiter, die sich gern family oder factory nannten. Der Regisseur bekleidete zumeist auch sämtliche anderen Stabfunktionen und trat - Kult! - selbst in seinen Filmen auf. So entstanden eine oder höchstens zwei Filmkopien, die mit jeder Aufführung - in Studentenclubs, Museumskinos, auf eigens gegründeten Festivals - streifiger und verregneter und damit noch undergroundiger wurden.

So entzogen sich auch Lamberts Filme stets, obwohl etwa "Die Alptraumfrau" auf internationalen Festivals wahrgenommen wurde, dem breiten Publikum. Nun kommt "Die Alptraumfrau" wieder ins Kino - nur: Wo ist heute der filmische Underground? Das meiste, was in den Sechzigern unmöglich schien - unabhängige Filmproduktion, nicht etablierte Distributionsformen, Darstellung von Tabus - ist längst Alltag. Filmpreise, hochspezialisierte Festivals und die Diskussion privatester Obsessionen in Talkshows scheinen dieser Art von Filmen die Existenzberechtigung genommen zu haben.

Die zeitgemäßeste Underground-Strategie haben wohl die Macher von "The Blair Witch Project" vorgeführt: Bevor es überhaupt einen Film gab, existierte ein Mythos auf der Grundlage bewusster Falschinformationen im Internet. Und der sorgte dafür, dass das Zielpublikum, größtenteils identisch mit den Internet-Surfern, massenweise ins Kino strömte und die Filmemacher über Nacht zu Millionären werden ließ. Das Netz mag überhaupt der neue Underground sein - die Rezensentin aber zieht die schmutzigen, ungebärdigen, sich widersetzenden Bilder, Töne und Themen des alten Underground-Kinos vor. Klassisch? Ja, bitte.

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