Kultur : Die Alptraummänner

Sebastian Nübling lässt schreien: „Edward II.“ bei den Salzburger Festspielen

Ulrike Kahle

Sie klettern, springen, schwingen sich über die hohe hölzerne Ballustrade nach unten, in die Arena und schreien: Hass Gaveston! Eine Armada wütender Männer: weiße Hemden, rote Krawatten, graue Anzugshose. Broker an der Börse, wenn die Kurse fallen. Koreanische Parlamentarier beim Nahkampf, wenn die Argumente versagen.

Schauspiel als Schreitheater. Englische Peers, die Gegner König Edwards II., Regent im 14. Jahrhundert, als eine Meute von 40 Brokern oder 40 Parlamentariern: eine Männermasse, ein Volkskörper, besser, Lordkörper, das hat Wucht, das hat Kraft, wenn sie stürmen, kesseln, drohen, im rhythmischen Sprechgesang. Eine geballte Front gegen Edward, ihren König, dem Königsein nur eins bedeutet: die Wiedervereinigung mit dem Kinderfreund und Geliebten Gaveston. Den hatte sein Vater verbannt.

Der Vater. So fängt es an auf der Perner Insel bei den Salzburger Festspielen. Der König stirbt, aufgebahrt, sein Herzrhythmus hoch oben sichtbar auf elektronischem Band, hörbares Herzpochen, gleichmäßig, dumpf. Warten auf den Tod. Bruno Cathomas als Edward II. hat einen großen, wahrhaftigen Auftritt. Des Königs Herz bleibt stehen, er betrachtet den toten Vater, atmet, atmet, atmet sich hinein in ein Schluchzen, schluchzt, schluchzt heftiger, lacht, lacht, lacht wie toll. Er hat die Macht. Und holt sich seinen Gaveston zurück aus Frankreich. Das ist fast schon das ganze Drama. Edward liebt Gaveston wie sich selbst, alles andere ist egal und stört. Die Peers, England. Am meisten stört die Gattin, Isabella, die lange wandeln muss als stumme Braut in weißem Schleier im Burgraben. Dann kommt Gaveston, als zweite weisse Braut, ebenso verschleiert. Hier spätestens regt sich ein Unbehagen ob der Deutlichkeit, der fast schon banalen Symbolik der Bilder. Das liegt am Stück, das liegt auch an der Inszenierung von Sebastian Nübling.

Weiße Hemden und Krawatten! Plenarsaal! Und jetzt noch rote Clownsnasen! Wie hat man sie satt, diese Zeichen, wie gerne sähe man mal historische Kostüme, wenigstens angedeutet! Nicht immer nur das Hereinholen in unsere Zeit! Sebastian Nübling tritt am Liebsten im Trio auf, mit Muriel Gerstner (Bühne und Kostüme), mit Lars Wittenhagen (Musik), der aus Halleiner Freiwilligen einen imposanten Chor formte. Nübling, in kürzester Zeit, nach geglückten kleineren Inszenierungen hoch gehandelt, suchte für seinen Edward „griffig abstrakte Bilder, die in einen Alptraum führen.“ Leider: zu griffig, zu wenig Alptraum.

Die drei Clowns wandern, schön unwirklich auf der Stelle und à la Wilson beleuchtet, gegen die Jahreszeiten, gegen Wind und Wetter, hoch oben rechts in der Bühnenwand, in einem ausgeschnittenen Viereck, wie eine Leinwand, ein Bildschirm, einem dem Zuschauer bis zum Schluss unbekannten Ziel entgegen, nämlich Edward zu peinigen und zu töten. Deklinieren einen lateinischen Satz, der als endlose elektronische Laufschrift unter ihnen erscheint und genauso rätselhaft bleibt bis zum Schluss: Mortimers Befehl, Edward zu töten, der, weil ohne Komma, auch genau das Gegenteil bedeuten kann.

Das könnten schöne, bedrohliche Geheimnisse sein, aber leider ist man längst ermattet, von all dem Geschrei, dem exzessiven Ausstellen des Privaten. Immer wieder turnen die Peers über die Wände, rufen, gruppieren sich, singen. Als Cantus Firmus der trotzige, tolpatschige Edward, der immer nur Gaveston will, nach Gaveston schreit, wie ein Kind nach seinem Lieblingsspielzeug.

Obwohl wie Shakespeare 1564 geboren, schrieb Marlowe früher, seinen „Juden von Malta“, seinen „Doktor Faustus“, er wurde ermordet mit 29, ein schillernder Charakter. Mehr Geheimnis hätte man sich auch bei Edward gewünscht.

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