Kultur : Die alte Geschichte von Brüderchen und Schwesterchen, die alle Gefahren überstehen

Christina Tilmann

Zahra (Bahare Sediqi) ist ein entzückendes Kind. Wenn sie betrübt ist, zieht es wie ein dunkles Gewitter über ihr Gesicht, bevor die Tränen kommen. Wenn sie glücklich ist - und es ist so leicht, ihr eine Freude zu machen, ein Bleistift oder eine Seifenblase genügen dazu - strahlt ihr ganzes Gesicht. Glück und Unglück liegen nah beieinander: in einem Paar rosaroter Seidenschuhe. Gerade sind sie geflickt worden, da hat Bruder Ali sie auf der Straße verloren. Das einzige Paar Schuhe, das für Zahra den Zugang zur Welt bedeutet: Wie soll sie jetzt zur Schule, wo die Lehrerin streng auf das Schuhwerk achtet? Und was werden die Eltern sagen, die Mutter krank, der Vater arbeitslos?

Um die Eltern nicht zu beunruhigen, verfallen die Geschwister auf einen simplen Trick: Schuh-Sharing. Morgens geht Zahra in Alis Turnschuhen zur Schule, eilt danach nach Hause, wo Ali schon ungeduldig wartet, ein schneller Tausch, und schon sprintet der Bruder los zur Nachmittagsschule. Wie diese Schuh-Staffette funktioniert, davon handelt "Kinder des Himmels" in seinen längsten, schönsten Sequenzen: Immer wieder spurten die Kinder durch die engen, labyrinthischen Straßen Teherans, trippeln ungeduldig im Unterricht, in ständiger Angst vor Verspätung und Entdeckung. Wir erleben Zahras Scham über die abgenutzten Schuhe des Bruders, ihre Panik, als ein Schuh in den Fluß fällt, erleben Alis Ungeduld und seine schnelle Reue danach.

Rennen, Laufen, Eile sind die bestimmenden Momente in diesem aufmerksamen, geduldigen Kinderfilm. Das Leben in den Armenvierteln Teherans, dort, wo die Familien in einem einzigen, engen Raum hausen, ist geprägt von Sorge und Not. Zahra und Ali, die zusammenhalten wie Pech und Schwefel, müssen arbeiten wie die Großen. Keine Zeit zum Fußballspiel, kaum Zeit auch für Hausaufgaben. Am Ende wird es - ähnlich wie in Amir Naderis "Der Läufer" - ein Wettrennen sein, das die Schuhe wiederbringt.

Der iranische Regisseur Majid Majidi hat einen Kinderfilm gedreht: Einen Film, der bei aller Armut märchenhaft genug ist, um Kindern zu gefallen. Es ist die alte Geschichte von Brüderchen und Schwesterchen, von Hänsel und Gretel, die einander so gern haben, daß sie alle Gefahren bestehen. Und sind Märchen nicht ebenfalls grausam? Gleichzeitig ist "Kinder des Himmels" aber mehr als ein Kinderfilm: Es ist ein Film über Kinder. Nichts wird verharmlost, nichts wird verklärt von den harten Bedingungen, in denen Ali und Zahra in Teheran ihr Leben beginnen. Und trotzdem ist - nicht zuletzt dank der beiden Hauptdarsteller Amir Farrokh Hashemian und Bahare Sediqi - "Kinder des Himmels" vor allem ein wunderschöner Film, der alle Kitschklippen geschickt umschifft.Broadway, Cinemaxx Colosseum, Eiszeit (auch OmenglU), FT am Friedrichshain, Passage

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