Kultur : Die Alte Hütte Völklingen steht zur Besichtigung offen - solange sie noch steht

Bernhard Schulz

Trist ist der Himmel an diesem Märztag. Was grau ist, wirkt noch grauer, was rostet, noch rostiger. Das alte Industrierevier an der Saar hat das Wetter, das zu ihm passt. Hier war einmal Leben, so die Botschaft dieser Grisaille, jetzt ist nur noch Vergangenheit.

Mit der Vergangenheit des Industriezeitalters tut sich die Öffentlichkeit schwer. Seit die Welt der Medien und Computer als Zukunft schlechthin gilt, ist die Bewahrung der Zeugnisse beschwerlicher Muskelarbeit nicht selbstverständlicher geworden, zugleich aber eher noch dringlicher. Was es bedeutet, ein nutz- und handelbares Gut zu schaffen, lässt sich auf Computer-Bildschirmen nicht mehr begreifen. Dazu bedarf es des Blicks in die Fabriken, in denen vergangene Generationen das Fundament gelegt haben einer auf Lohnarbeit gegründeten Wohlstandsgesellschaft, die mittlerweile ihre Herkunft verdrängt wie einen Fehltritt der Geschichte.

Es kann gar nicht hoch genug veranschlagt werden, dass sich die Unesco-Welterbekommission 1994 zur Aufnahme der Alten Völklinger Hütte in ihre weltumspannende Liste von Kultur- und Naturdenkmälern verstanden hat. Der Industriekoloss an der Saar ist nicht von jener Schönheit, die in jedem Reiseprospekt als Lockreiz vermarktet wird. Das Hüttenwerk, weltweit einzigartig in der Vollständigkeit aller Produktionsstufen der Roheisenerzeugung, ist ein Geschichtszeugnis, einerlei, wie es unter diesem Märzwetter darbt. Denn das ist eine weitere Besonderheit des Hüttenwerks. Anders als die übrigen Ausnahmedenkmale kann das Völklinger Unikum nicht auf unabsehbare Zeit erhalten werden. Die Alterungsprozesse der frei liegenden, Wind und Wetter ausgesetzten Stahlkonstuktion zwingen zu "kontrolliertem Verfall".

Davon wollen die mit der Fabrik beschäftigten Denkmalpfleger nichts wissen. Gleichwohl müssen sie einräumen, dass der konstruktiv bedingte Verfall eines stillgelegten Stahlwerks allenfalls zu verzögern, ohne den Einsatz außerordentlicher Mittel jedoch kaum zu verhindern sein wird.

Vor dieser eher düsteren Perspektive ist das Völklinger Monument indessen zu buntem Leben erwacht. Bereits seit Jahren sind Teile des Werks, soweit sie gefahrlos zu betreten sind, der Öffentlichkeit zugänglich; zudem finden in der gewaltigen, 6000 Quadratmeter messenden Gebläsehalle vom Beginn des vergangenen Jahrhunderts mit ihren riesigen Schwungrädern kulturelle Veranstaltungen aller Art statt. Inzwischen aber hat der umtriebige Meinrad Maria Grewenig, der zuvor bereits das Historische Museum in Speyer zu beachtlichem Erfolg geführt hat, die "Weltkulturerbe Völklinger Hütte GmbH" übernommen und demonstriert, wie selbst ein notleidendes Industriedenkmal zu einem kulturellen Standortfaktor von Rang entwickelt werden kann.

Selbstverständlich hat sich die Gesellschaft auf der Liste der externen Expo-Projekte registrieren lassen. Zum Auftakt der Sommersaison fand jetzt die Eröffnung der Wanderausstellung "einfach gigantisch - gigantisch einfach. 150 Jahre Weltausstellungen" in besagter Gebläsehalle statt. Die Ausstellung, die die Geschichte dieses strahlkräftigsten Schaufensters des Industriezeitalters namens Weltausstellung im handlichen Stelltafelformat vorführt, belegt nur einen winzigen Teil der Maschinenhalle, die ihrerseits an die stolzen Vorzeigehallen des 19. Jahrhunderts erinnert. Das beste Ausstellungsstück bleibt das Werk selbst.

200 000 - eher geschätzte als gezählte - Interessenten haben es im vergangenen Jahr besichtigt, als mit der "Feuer und Licht" ein besonderes Spektakel geboten wurde. Grewenig will diese Marge in der jetzt eröffneten Saison mit nachprüfbaren Zahlen neuerlich erreichen. Maximal 15 Millionen Mark "Ausgabevolumen" umfasst der Etat, denen 11,5 Millionen Mark an Zuschüssen von Land, Bund, EU, Denkmalschutz- sowie Lottostiftung gegenüberstehen.

Bis nach Lothringen

Zur Deckung der Differenz ist das unternehmerische Talent Grewenigs gefordert. Die Programmgestaltung und die entsprechende Vermarktung der neuen Saison trägt seine Handschrift. Erstmals kann das 60 Hektar große Gelände des Hüttenwerks auf markierten Wegen ohne Teilnahme an einer Führung besichtigt werden, zugleich aber ist die Zahl vorbestellter Gruppenführungen um ein Mehrfaches angewachsen. Die Öffentlichkeitsarbeit bezieht die benachbarten Regionen Luxemburg und Lothringen ein, die gleichfalls auf eine schwerindustriell geprägte Vergangenheit zurückblicken.

Die Hütte im Bewusstsein der Saar-Bevölkerung als Denkmal von gleichem Rang wie Schösser und Kirchen in anderen Regionen zu verankern, ist ein langwieriger Prozess. Noch schmerzen die Wunden der abrupten Arbeitsplatzvernichtung nach Konkurs und letztem Hochofenabstich am 4. Juli 1986, dem ein langer Abschied vom Gipfelpunkt der Produktion in den frühen fünfziger Jahren vorangegangen war. Der rapide Verfall durch Korrosion und Spontanbewuchs, dem ein ausgekühltes Eisenwerk schutzlos preisgegeben ist, hätte beinahe das Ende der bizarr aufragenden Reihe der sechs, in schneller Folge bis 1903 errichteten und seither beständig erneuerten Hochöfen - des Herzstücks der weitverzweigten Anlage - zur Folge gehabt. Das Unesco-Gütesiegel kam gerade rechtzeitig, um den langsam einsetzenden Bewusstseinswandel zu forcieren.

Kein Schutz vor Korrosion

Die Zukunft dieses einzigartigen Denkmals bleibt trotzdem unsicher. Nur der äußere Hochofen 6 ist in akzeptablem Erhaltungszustand; die übrigen fünf können nicht betreten werden, weil die dünnen Bodenbleche der Arbeitsebenen durchgerostet sind und die genieteten Verbindungen der zahllosen Rohre aufreißen. Einst hat die beständige Temperatur der im Inneren bis zu 2000 Grad heißen Öfen die Anlagen trocken gehalten. Jetzt frisst sich der Rost unaufhaltsam fort. Der atemberaubende Aufstieg zu Fülltrichter und Winderhitzern von Hochofen 6 lässt Schwere und Gefährlichkeit der Arbeit unter widrigsten Bedingungen bestenfalls erahnen, in die jetzt die in der Meisterei eingerichtete Fotoausstellung "Der Hüttemann", zusammengestellt aus den ebenso nüchternen wie bewegenden Beständen des Werksarchivs, Einblicke gibt. Wohl aber öffnet der Aufstieg einen Rundblick auf das faszinierende Ensemble technischer Formen - einer Ästhetik ohne Absicht, hinter der das Industriezeitalter bereits versunken ist.Weltkulturerbe Völklinger Hütte (3 Min. vom Bahnhof), bis 31. Oktober. Täglich 10-19 Uhr, Freitag bis 22 Uhr. Führungen jederzeit nach Vereinbarung, Tel. 06898-9100-0, Fax -111.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben