"Die amerikanische Nacht" von Marisha Pessl : Satan sucht Seelen

Mysteriöse Schnitzeljagd: Marisha Pessl vermischt in "Die amerikanische Nacht" die Grenzen von Fiktion und Wirklichkeit und jongliert virtuos mit Elementen des Film Noir.

Tobias Schwartz
Ach, die zweiten Bücher. Marisha Pessl.
Ach, die zweiten Bücher. Marisha Pessl.Foto: David Schulze/S. Fische

Charakteristisch für einen Film Noir sind heruntergekommene Helden und zwielichtige Großstadt-Settings. Beide findet man in John Hustons genreprägendem Regiedebüt „Die Spur des Falken“ – mit Humphrey Bogart in der Rolle des Privatdetektivs Sam Spade. „Die amerikanische Nacht“ heißt nun der neue Roman der 1977 in Michigan geborenen New Yorker Autorin Marisha Pessl, die 2006 mit ihrem Erstling „Die alltägliche Physik des Unglücks“ einen Mega-Bestseller landete.

Held ihres knapp 800-seitigen Buches ist ein investigativer Journalist namens Scott McGrath, eine Art Sam Spade der Gegenwart, allerdings frei von jedem Charme, den Bogart seiner Figur verlieh. Für eine stimmige Verfilmung sollte man besser Bruce Willis wählen. Scott ist seit jeher davon besessen, dass der von Fans kultisch verehrte Horrorfilmregisseur Stanislas Cordova buchstäblich Leichen im Keller hat. Publik gemachte, aber unbewiesene Vorwürfe kosteten den Journalisten Karriere und Ehe.

Einige Jahre später setzt die Romanhandlung ein. In einer Lagerhalle wird Ashley Cordova tot aufgefunden, die Tochter des Filmgenies. Der inzwischen abgehalfterte Scott – seine kleine Tochter darf er nur gelegentlich sehen – wittert die große Chance, sein Leben wieder geradezubiegen und seinem Widersacher das Handwerk zu legen.

Was folgt, ist eine mysteriöse Schnitzeljagd durch die Stadt, die niemals schläft (oder gelegentlich doch, wie man nebenbei erfährt). Nicht umsonst heißt Pessls ambitionierter, durch und durch als Thriller konzipierter Roman im Original „Night Film“. Der deutsche Titel wiederum wurde François Truffaut entlehnt, der in seinem Film „La nuit américaine“ über das Drehen eines Films auch die Rolle des fiktiven Regisseurs übernahm.

Der Verweis auf die Nouvelle Vague und deren zuweilen selbstreferenzielle Mittel ist nicht abwegig. „Vielleicht waren Cordovas Filme real“, lautet eine der unheimlichen Vermutungen Scotts. Die Paranoia geht soweit, dass Scott glaubt, selbst Akteur in einem Cordova-Streifen zu sein. In diesem wäre der phantomartige Regisseur ein allmächtiger Strippenzieher – und mit dem Teufel im Bunde: ein Hexenmeister, der schwarze Magie praktiziert und Kinder tötet, um deren Seelen gegen die Seele seiner bei einer satanischen Messe verfluchten Tochter Ashley einzutauschen.

Im Grunde funktioniert die Geschichte wie Truffauts Film "Amerikanische Nacht"

Marisha Pessl kennt sich aus, keine Frage. Virtuos jongliert sie mit Elementen des Film Noir und anderer Genres und hat auch keine Angst vor dem Griff in die Klischeekiste. Mit Abbildungen von Internetseiten und Zeitungsartikeln erzeugt die Autorin den Eindruck, ihre Geschichte sei „based on a true story“. Ihr geht es darum, Realität und Fiktion zu vermischen.

Im Grunde funktioniert das ganz wie in Truffauts „Amerikanischer Nacht“, die mit ihrem sogenannten Day-for-Night-Filterverfahren trotz Tagdrehs den Anschein von Nachtaufnahmen erweckt. Pessl will dem Fiktionalen auf den Grund gehen. Womit wir wieder bei Sam Spade wären, dessen berühmter Schlusssatz – die Antwort auf die Frage, was der Malteser Falke eigentlich sei – Kinogeschichte geschrieben hat: „Ein Stoff, aus dem man Träume macht“.

Ihr Ziel erreicht Pessl allerdings nur auf sehr schematische, oberflächliche Weise. Bei aller Geheimniskrämerei bleibt am Ende nur wenig Geheimnis. Eine Enttäuschung über die Auflösung antizipiert die Autorin selbst und lässt sie ihren Helden formulieren. Auch nimmt sie dem Rezensenten die Mühe ab, Scott mit dem besessenen Kapitän Ahab aus „Moby Dick“ zu vergleichen: Sie tut es selbst. „Die amerikanische Nacht“ ist sehr gemacht, sehr gewollt.

Der Roman liest sich wie eine Mischung aus Dan Browns Thrillern und den Creative-Writing-Spielereien eines Dave Eggers, ohne deren Niveau zu erreichen. Streckenweise fühlt man sich sogar an J. K. Rowling erinnert: „Wenn man jemanden goofert, vergiftet man ihn spirituell. Es hat sehr große Macht, weil es den Verstand zerfrisst, ohne dass man es bemerkt.“

Gelegentliche Humoranwandlungen wirken wie dürftige Slam Poetry: „Jetzt kam ein kleiner chinesischer Mann mittleren Alters auf uns zu … und eine Großmutter, die aussah, als habe sie Mao Zedong noch persönlich gekannt. Verdammt – vielleicht war sie Mao.“

Mitunter schleicht sich auch der Verdacht ein, Marisha Pessl hätte es auf eine Verfilmung angelegt. Er lässt sich inzwischen erhärten: Rupert Wyatt („Planet der Affen: Prevolution“) wird 2016 dabei Regie führen.

Marisha Pessl: Die amerikanische Nacht. Roman. Aus dem Amerikanischen von Tobias Schnettler. S. Fischer Verlag, Frankfurt a.M. 2013. 790 Seiten, 22,99 €.

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