Kultur : Die amerikanische Zwiebel

Paul Austers „Nacht des Orakels“ schält Schale auf Schale. Heute liest der Autor aus seinem neuen Roman in Berlin

Bruno Preisendörfer

Der Schriftsteller Paul erfindet den Schriftsteller Sid, der Schriftsteller Sid erfindet den Lektor Nick, und Nick bekommt eines Tages einen Roman auf den Tisch, der den Titel „Nacht des Orakels“ trägt. Ein Szenarium, typisch für den New Yorker Schriftsteller Paul Auster: Aus fiktiver Wirklichkeit und wirklicher Fiktion wird ein Kulissenhaus gezimmert und mit den Spiegeln erzählerischer Konventionen ausgekleidet. In dieses Spiegelkabinett werden wir Leser dann hineingeschubst, und es ist an uns, darauf zu achten, dass wir uns keine blutige Nase holen.

Paul Auster hat seit dem Erfolgsdebüt seiner „New York Trilogie“ immer wieder von einer Puppe in der Puppe in der Puppe erzählt, die in einer Schachtel in der Schachtel liegt. Aber nicht nur alte Witze erschöpfen sich. Jedenfalls hat sich Auster diesmal gar nicht mehr die Mühe gemacht, seinen Plot überhaupt zu Ende zu bringen, weshalb Paul seinen erfundenen Sid dessen erfundenen Nick in eine Falle führen lässt, ohne sich darum zu kümmern, wie Sid den Nick da wieder herausbekommt.

Nick bleibt mit dem Roman die „Nacht des Orakels“ in einer unterirdischen Telefonbuchbibliothek gefangen, mit der es eine besondere, hier nicht zu explizierende Bewandtnis hat. Sid klappt sein blaues, portugiesisches Notizbuch zu, in dem die Geschichte über Nick geschrieben steht, und mit dem es selbstverständlich ebenfalls eine besondere Bewandtnis hat, die hier wiederum nicht expliziert werden soll. Nick ist gefangen, Sid am Ende seiner Kunst, Pauls Roman geht trotzdem weiter.

Denn neben der Geschichte über Sid, der Nick erfindet, gibt es noch die Geschichte von Sid und John. John ist auch Schriftsteller, und ihm hat Sid die Kernidee des Romans über Nick zu verdanken – aber dieses Garn soll jetzt auf der Rolle bleiben. Sid bekommt von John nämlich noch eine weitere Geschichte geschenkt. Auch sie wird uns von Paul Auster nicht vorenthalten. Interessanter ist jedoch, dass diese Geschichte irgendwie etwas mit dem Leben zu tun hat: mit Johns Leben und mit dem Leben von Grace.

Grace ist Sids Frau, und er liebt sie sehr. Deshalb ist Paul Austers Roman nicht nur einer über Schriftsteller, Telefonbuchbibliotheken und blaue, portugiesische Notizbücher, sondern auch ein Roman über die Liebe, über die Ehe und über das Kinderkriegen. Beim letzten Punkt wird es böse. „Das Dumme mit Schriftstellern ist, dass sie meistens kein Geld haben“, Sid macht da keine Ausnahme, und Grace, die als Grafikerin auch nicht zu den Großverdienern gehört, erwägt deshalb den Abbruch ihrer Schwangerschaft. Sid ist gegen den Abbruch. Es kommt zum ersten ernsthaften Ehekonflikt.

Auster stellt die Liebe seiner Protagonisten auf die Probe, aber er selbst besteht diese Probe nicht. Er erledigt die Aufgabe, erzählerisch das Problem seiner Figuren zu lösen, indem er das von ihm in den Roman und in den Leib seiner Protagonistin hineinerfundene Kind buchstäblich wieder aus dem Roman und dem Leib seiner Protagonistin hinaustritt. Auster lässt das vom durchgeknallten Sohn von Sids Schriftstellerfreund John besorgen.

An diesem Fall zeigt sich, wie das Erzählen von einem Verhängnis zur literarischen Bequemlichkeit wird und nur dem Zweck dient, die erzählerischen Probleme, die mit dem Erzählen von Problemen verbunden sind, möglichst schnell wieder loszuwerden. Im Übrigen besteht das ästhetische Spiel des Romans wie so vieler anderer von Auster darin, etwas zu demonstrieren, was man den literarischen Zwiebeleffekt nennen könnte. Immer neue Schalen, doch nie ein Kern.

Paul Auster: Nacht des Orakels. Aus dem Amerik. von Werner Schmitz. Rowohlt Verlag, Reinbek 2004, 286 Seiten, 19,90 €.

Der Autor liest heute um 21.30 Uhr, im Deutschen Theater Berlin.

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