Kultur : Die andalusische Sphinx

WILFRIED F.SCHOELLER

Auf der Wolge von Legenden schwebt er dahin, unberührbar in seinem Ruhm.Die Nachwelt errichtete ihm das "Denkmal aus Stein und Traum", das sein Altersgefährte Antonio Machado in einem zornbebenden Gedicht unmittelbar nach der Todesnachricht eingefordert hat.Aber dieses Monument ist wie eine zu enge Zelle: Es enthält nur sein Inbild in der Gloriole unbesiegbarer Jugend, den Poeten, der in einem Brief erfleht hat: "Laß mich doch einstweilen im Karton der Morgenrockkapriolen, denn ich werde noch Zeit genug haben, die Flanelle und die kalten Lüfte der Meditation überzuziehen." Überliefert ist über alle spanischen Zeitsprünge hinweg der Dichter des andalusischen Sangs, der "Zigeunerromanzen", der betörenden Musikalität.Der Glanz, der über dieser ewigen Jugend liegt, die Grandezza der Frühe, das traumwandlerische Gelingen haben ihm sein Geheimnisse bewahrt.Dagegen hat schon 1937 Vicente Aleixandre über ihn geschrieben: "Wie alt, wie alt, wie fabelhaft und mythisch!"

Das Jahrhundert, das seit Federico García Lorcas Geburt im andalusischen Fuentevaqueros vergangen ist, hat seinem Vaterland Wechselfälle, Umbrüche und Tragödien zuhauf beschert, zuletzt einen demokratischen Modernismus, der so folgenreich wirkt wie kein anderes Ereignis in diesem Säkulum.Aber es hat vermutlich keinen anderen Dichter gefunden, der für Spanien die gleiche Doppelrolle spielt wie er - als Repräsentant und als Opponent kultureller Tradition.Lorca vergegenwärtigen wir uns als Inbild einer Zerrissenheit: Götterliebling und Todverklärer, der er war, erscheint er als das Zwitterwesen aus angel und duende, aus Engel und Dämon.

Der frühe Tod mit 38 Jahren hat aus ihm das sichtbarste Opfer der spanischen Tragödie gemacht.Der eine von 250 000 Toten, die der Bürgerkrieg forderte, birgt in sich die Symbolkraft für alle anderen.Der Vater, ein liberaler Großgrundbesitzer, zog mit der Familie 1909 in eine Stadtwohnung nach Granada, kaufte mit Huerta de San Vicente einen weiteren Landsitz.

Federico García aber hat sich einem bürgerlichen Beruf nicht verschreiben können: ein miserabler Schüler, ein abgebrochenes Jura-Studium, eben "ein Dichter von Geburt an und ohne etwas dagegen tun zu können", wie er sich selbst beschrieb.Mit zwanzig hat es ihn nach Madrid gezogen.Er geriet in den Kreis der werdenden Avantgarde, es formierte sich, in Fehden und Innigkeit einander zugetan, die legendäre "Generation von 1927" mit Namen wie Rafael Alberti, Damaso Alonso und Viceinte Alexandre und Freunden wie Pablo Neruda - die Inkarnation eines poetischen Reichtums inmitten der Diktatur Primo de Riveras.

Die "Zigeunerromanzen" von 1928 haben García Lorca berüht gemacht.Sie galten fürs Ganze, stempelten ihn zum Dichter des elemento pueblo und setzten das unschuldige Diktum Nerudas, er sei "volkstümlich wie eine Gitarre, heiter, melancholisch, tief und hell wie ein Kind" gewesen, in ein absolutes Recht.Aber die Einzigartigkeit dieser Dichtungen besteht gerade darin, daß die Romanze nicht folkloristisch banalisiert, sondern in ein bildreiches Dunkel übersetzt ist.Doch wenn die Welt sangbar gemacht ist, scheint sie gerettet; in den Wohllaut gebannt, sind Schmerz, Klage und Trauer widerrufliche Größen.Das macht vielleicht das notorische Mißverständnis jener Gedichte aus, daß sie als Illuminationen und nicht als Ausdruck einer tragischen Existenz gewertet werden.

Dali, mit Lorca seit 1922 bekannt und intim befreundet, hat ihn (und Alberti und Jimenez) gemeinsam mit Buñuel als "andalusische Hunde" verspottet.Die "Zigeunerromanzen" griff er 1928 in einem Brief scharf an, dann trennten sich ihre Wege: Dali ging nach Paris, Lorca floh seinen Erfolg und suchte im Juni 1929 den Ausweg aus einer Lebenskrise in New York.Er schrieb sich an der Columbia University zum Studium ein, hatte wohl auch sein Coming-Out als Homosexueller: "Meine Gesänge entspringen alle einem halluzinierenden Punkt / Sind Worte des Herbstes / Maskiert als April." Mit T.S.Eliot, dem Verfasser von "Waste Land", und Walt Whitmann fand er lyrische Fährtenleser durch die Großstadtmoderne, durch die "Geometrie und Angst".Als er, nach einem sich anschließenden Triumphzug durch Havanna, wieder in Spanien eintraf, nahm er sein "Duell auf Leben und Tod" erneut auf.Wiederum in der Aura des hinreißenden künstlerischen Unterhalters, als Leiter, Schauspieler, Musiker, Dramaturg, Tausendtalent des Wandertheaters "La Barraca", als Dramatiker, der zwischen Madrid und Buenos Aires gefeiert wurde.Im Juni 1936 konnte er noch "Bernarda Albas Haus", die "Tragödie einsamer Frauen", fertigstellen - das Vermächtnis des Dramatikers.Bald danach hat ihn "die spanische Geliebte", der Tod, geholt.

Lorca hatte Madrid wegen der schwierigen Lage am 13.Juli 1936 verlassen und war nach Granada gereist.Vier Tage später putschten die Generäle, schon am 20.Juli war Granada in der Hand der Falangisten.Auf dem elterlichen Gut in Huerta de San Vicente wurde er bedroht, so daß er sich in den Schutz des falangistischen Dichterkollegen Luis Rosales begab.Am 16.August wurde Lorcas Schwager, der Bürgermeister von Granada, erschossen, einen Tag später der Dichter verhaftet.Die Fürsprache des Komponisten Manuel de Falla hat ihm nichts mehr genützt.Am 18.oder am 19.August wurde er von Angehörigen der berüchtigten "Schwarzen Schwadron" auf einer Landstraße bei Viznar, neun Kilometer von Granada entfernt, erschossen und vermutlich in einem Massengrab verscharrt.Zwei Toreros und ein Dorflehrer teilten sein Schicksal.

Warum gerade er? Die Gefährten und Freunde der "Generation von 1927" blieben verschont.Hatte ihn eine Kaste rechtskatholischer Fanatiker im Visier? Reichten seine antifaschistischen Reden aus, um ihn zu ermorden? Ging die Untat auf die Verachtung seiner Homosexualität durch grausame Machisten zurück? Oder war die strahlende Prominenz dieses Poeten ein ausreichender Grund für tötungslüsterne Reaktionäre?

Der Tod hat einen Bewegungshelden zur Erstarrung gebracht, den Prozeß des Werks abgestoppt, so daß das Versprechen zur Hieroglyphe wurde.Die Emigration der Angehörigen, die Wirren des Bürgerkriegs, die lange Verfemung des Dichters in der Franco-Zeit und die undurchsichtigen Interessen von ehemaligen Freunden haben dazu geführt, daß größere Teile seines Werkes lange verschüttet blieben.Erst nach und nach sind verschollene Texte in den Nachlässen anderer wieder aufgetaucht.Das verloren geglaubte Stück "Das Publikum", eine hermetische Fantasie über das Theater und die Obsessionen der Liebe nach Motiven von Shakespeare und Pirandello, hat sich gefunden wie die "Komödie ohne Titel".In den Briefen irrlichterten die "Suites" herum, eine Sammlung unveröffentlichter Verse; ein Franzose hat sie zuverlässig rekonstruiert.In elf Sonetten über "die obskure Liebe", die zum Vorschein kamen, hat Lorca seine erotischen Neigungen aus dem Grab des Schweigens geholt.Und die Briefeditionen scheinen kein Ende zu nehmen.Die Überraschungen, die uns eine internationale und höchst findige Schar von Lorca-Experten bereitet, werden wohl anhalten.

In Deutschland ist Lorca der Dramatiker des in die Ferne gerichteten Verlangens, der unerfüllten, sich verzehrenden Frauen, der Doña Rosita, Bernarda Alba, der Adela und der Yerma.Wenigstens die Hälfte seiner Stücke gehört zu den Attraktionen der Spielpläne.Aber der Kanon der immer wieder aufgeführten Dramen wirkt rigide: das Glück der Abschweifung, etwa zu den surrealen Szenen von "Drei kurze Spiele" oder zum "erotischen Hallelujah in vier Bildern" über "Don Perlimplin" oder zur Volkskomödie "Die wundersame Schustersfrau", kommt selten vor.

Der Lyriker ist, vor allem wegen des krassen Autoritätsverlusts, den die Übersetzungen von Enrique Beck in mehreren Jahrzehnten erfahren haben, ziemlich verblaßt.So wäre der Poet des Zyklus "Dichter in New York" und der "Dichtung vom Cante Jondo" durch neue Übersetzer erst noch zu entdecken.Der hundertjährige Federico García Lorca, die andalusische Sphinx, ist zwar eine celebre Größe, aber die Geheimnisse seiner Poese bleiben in Deutschland bis heute eine Herausforderung.

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