Kultur : Die andere Arche

Königlich: Bei Christie’s in London wurden zwei Löwen aus Meißener Porzellan versteigert

Matthias Thibaut

Die Taxe war so gewaltig wie die Ausmaße der beiden Porzellanlöwen: Drei bis fünf Millionen Pfund wurden für die 80 Zentimeter langen und über 50 Zentimeter hohen Figuren erwartet. Noch größer war nur die Nervosität, als Christie’s am 18. Dezember die herrschaftlichsten der Meißener Großtiere versteigerte, die Johann Gottlieb Kirchner um 1732 für die legendäre Porzellanmenagerie August des Starken im „japanischen Palais“ produzierte. Dann aber verlief alles ganz schnell und glanzlos. Ein Sammler sicherte sich das Löwenpaar mit seiner eigenartigen Mischung aus Hochmut und Melancholie telefonisch für 2,8 Millionen Pfund (4,2 Millionen Euro). Fast ein Schnäppchen.

In der Hierarchie der Porzellansammler steht das Meißener Porzellan ganz oben, sieht man einmal von den chinesischen Vorbildern ab. Und bei Meißen reizt die Sammler nichts so sehr wie diese Großtiere, die als Pendant einer lebenden Menagerie gefertigt wurden, um zu demonstrieren, dass sich das Regiment eines absolutistischen Herrschers auch auf die Welt der Tiere erstreckt. Ein Dekorationsprojekt, dessen künstlerischen und technischen Ehrgeiz wir heute kaum noch gebührend einschätzen können – man muss sich nur die Schwierigkeiten vergegenwärtigen, so große Porzellanmassen zu brennen. Und natürlich stehen Löwe und Löwin in der Hierarchie der Tiere ganz oben.

Die Einlieferer, die Familie der Wettiner, pochten also trotz der Brandrisse, die nahezu alle der Großtiere aufweisen, mit gutem Grund auf einen Spitzenpreis. Die Nachkommen des sächsischen Königshauses erhielten die Porzellangruppe als überraschende Restitution durch den Freistaat Sachsen zurück – eine erste Anzahlung auf einen großen Block aus Dresdner Sammlungsbeständen. Die Wettiner hatten sich 1999 schon einmal mit dem Freistaat Sachsen über die Rückgabe enteigneter Kunst geeinigt und rund 6000 Stücke zurückerhalten. Nun melden sie Ansprüche auf weitere 1600 Objekte an.

Doch bei den großen musealen Trophäen ist die Aufnahmefähigkeit des Marktes offenbar beschränkt: Als 2002 vier Tiere der Meißener Menagerie aus dem englischen Schloss Longleat zum Verkauf kamen, war dies eine Sensation. Niemand konnte damit rechnen, dass einmal eine halbe Arche Noah solcher Großtiere auf den Markt kommen würde: Damals brachte ein Fuchs als Topstück 1,012 Millionen Pfund und ging ans Getty Museum. 2005 kam in Paris ein Paar Geier auf den Markt und brach mit 5,6 Millionen Euro alle Rekorde. Nun waren nicht nur die Löwen günstig: Ein weiterer Fuchs – es gibt insgesamt sechs Exemplare – fand trotz der niedrigen Taxe von 200 000 bis 300 000 Pfund überhaupt keinen Käufer.

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