Kultur : Die andere Hälfte - Zum Tod der Schriftstellerin

Doris Meierhenrich

"Die feinen Totengräber" heißt der Erzählband, mit dem die gerade 25-jährige Angelika Mechtel die Öffentlichkeit zum ersten Mal auf sich aufmerksam machte. Das war 1968. Die verknappten, lakonischen Sätze, mit denen die junge Schriftstellerin darin ein Mosaik makaber-surrealer Geschichten entwarf, ließen die literarische Kritik aufhorchen. Ihre Erzählung über den Staatsanwalt, der aus Profitgier einen illegalen Leichenhandel deckt, oder über einen Kater, der zum erotischen Tyrannen wird, moralisierten nicht, vielmehr ließen ihre elliptischen, assoziativen Textmuster die beißende Kritik aus der Sprachform selbst entstehen. Sozialkritik am Bürgermief der fünfziger und sechziger Jahre - das schienen Angelika Mechtels frühe Texte zu bezeugen - muss nicht in pseudoliterarischen Pamphleten enden. Und doch war es gerade dieser Anspruch, kunstvoll mit Sprache umzugehen und gleichzeitig ein breites Publikum politisch aufzuklären, den Angelika Mechtel noch längst nicht eingelöst zu haben glaubte; das prägte ihr Schreiben wesentlich.

1943 in Dresden geboren, wuchs Angelika Mechtel nach der Flucht der Familie in den Westen zunächst in Bad Godesberg, dann in München und in Würzburg auf. Seit Anfang der sechziger Jahre veröffentlichte sie einzelne Gedichte und schrieb in gewerkschaftsnahen Zeitungen Geschichten aus der Arbeitswelt. Sie selbst, das sagt Angelika Mechtel Jahre später, verstand sich immer als Achtundsechzigerin. Ihr literarisches Engagement für die Benachteiligten - Arbeiter, Frauen - nahm Kontur an, als sie 1965 in die von Max von der Grün gegründete "Gruppe 61" eintrat, in der Schriftsteller und schreibende Arbeiter die gemäßigte, Dortmunder Variante des Bitterfelder Wegs probten. Hier begann ihr Doppelleben zwischen Politik und Literatur. Mit der erfreulichen Aufnahme ihres ersten Erzählbandes durch die Literaturkenner konnte die Aktivistin nicht zufrieden sein: "Ich hatte Erfolg, aber keine Leser" kommentierte sie später und rechtfertigte damit ihren Stilwechsel von der mosaikhaften Kunstsprache zu einer epischen Alltagssprache, die sie in ihren späteren Romanen wählte, etwa in "Kaputte Spiele" oder "Friss Vogel". Seit 1972 war Mechtel Mitglied des PEN-Clubs und stand dem westdeutshen PEN-Zentrum von 1983 bis 1991 als Vizepräsidentin vor. Auch als Verfasserin von Hörspielen und Kinderbüchern wurde Angela Mechtel bekannt. Am Dienstag ist die 56-jährige Autorin in Köln gestorben.

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