Kultur : Die Angepassten

Die Florentiner Ausstellung „Die dreißiger Jahre“ zeigt vieles – nur nicht den Faschismus.

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Mit dem Steinchen in der Hand. „David“, eine Bronzeplastik von Giacomo Manzù aus dem Jahr 1938. Foto: Roma/ Galleria Nazionale d’Arte Moderna
Mit dem Steinchen in der Hand. „David“, eine Bronzeplastik von Giacomo Manzù aus dem Jahr 1938. Foto: Roma/ Galleria Nazionale...

Aus leeren Augen schaut der makellos weiße Marmorkopf, ein Porträt des Fliegers Arturo Ferrarin von Arturo Wildt, einem bis heute unter Kennern gerühmten Bildhauer der Moderne. Mit diesem idealtypischen Heldenbildnis von 1929 beginnt die Ausstellung „Die dreißiger Jahre. Die Künste in Italien jenseits des Faschismus“ – besser „über den Faschismus hinaus“ –, die jetzt im Palazzo Strozzi in Florenz eröffnet wurde. Dahinter aber ist Mario Sironis großformatiges Gemälde „Die Familie“ von 1932 zu sehen, in jenem an der toskanischen Frührenaissance orientierten Stil, auf den sich zahlreiche Künstler unter dem Mussolini-Regime zurückzogen.

Doch anders als sein Bewunderer Hitler interessierte sich der „Duce“ für die bildenden Künste nur insoweit, als sie der Propaganda dienlich sein konnten – vor allem der seiner eigenen Person. In Sachen Hochkultur zeigte sich Mussolini, der zum Begründer des Faschismus gewandelte Radikalsozialist, eher indifferent. Die Futuristen huldigten ihm, weil er Dynamik verkörperte; die figurativen Maler der Gruppe „Novecento“ hingegen sahen in ihm den Bewahrer traditioneller Werte und Ausdrucksweisen.

In den dreißiger Jahren wandelte sich das Regime; es wurde gewissermaßen von seiner eigenen Rhetorik fortgerissen. Abessinien, das heutige Äthiopien, wurde überfallen und im Mai 1935 das „Imperium“ ausgerufen. Sümpfe wurden trockengelegt, Idealstädte gegründet, die Industrialisierung des rückständigen Agrarlandes Italien forciert.

Von alledem ist in der Ausstellung des Palazzo Strozzi – der regsamsten Institution in Florenz – wenig zu sehen. In sieben Kapiteln wird vorgeführt, was alles an Kunst entstehen konnte – und öffentlich gezeigt wurde. Denn nicht etwa „Kunst des Widerstandes“ wird ans Licht geholt, sondern vorwiegend das, was auf den geschmacksbildenden offiziellen Leistungsschauen Italiens, der Biennale in Venedig, der Triennale in Mailand und der Quadriennale von Rom, ausgestellt und von Museen erworben wurde. Unverfänglich und darum besonders beliebt waren Skulpturen und Bildnisse, kaum je heroisch, selbst wenn es sich um Athleten handelte, sondern stets umweht von einem Hauch Melancholie.

Der Einbruch der Politik ins Refugium der Kunst geschah erst 1938. Mussolini, mittlerweile in jene Abhängigkeit von dem ungleich radikaleren Hitler geraten, die ihn nur fünf Jahre später die Macht kosten sollte, führte in Italien „Rassengesetze“ ein. Mit einem Mal wurde die Moderne diffamiert, wie in der römischen Zeitung „Il Tevere“ vom 25. November 1938, die in einer Vitrine ausliegt: als „ausländisch, bolschewistisch und jüdisch“. Dazu abgebildet ausgerechnet die „Casa del Fascio“ in Como von Giuseppe Terragni, einem überzeugten Faschisten, so modern er auch baute.

Die Architektur fehlt in dieser Ausstellung. Gewiss, sie will keine Epochendarstellung sein wie die unübertroffene „Anni Trenta“-Schau in Mailand 1982, die damals wie ein reinigendes Gewitter über das zum bequemen Vergessen neigende Italien kam. Dreißig Jahre später ist es keine Sensation mehr, die Widersprüche der faschistischen Kulturpolitik und die Anpassungsbereitschaft nahezu aller Künstler zu zeigen. Der Mythos der allumfassenden „Resistenza“ ist längst dahin. Künstler, die nach dem Krieg zu Heroen aufstiegen, wie Marino Marini, Giacomo Manzù, Lucio Fontana, ja selbst die Ikone der italienischen Kommunisten, Renato Guttuso, arbeiteten unter dem Regime und drängten sich nach dessen Aufträgen. Manchmal gab es einen Skandal, wie um die „Kreuzigung“, die Guttuso 1942 zum „Premio Bergamo“ einreichte – wegen der unorthodoxen Anordnung der Kreuze und nicht etwa, wie wendige Interpreten später behaupteten, weil Guttuso damit auf Folterverhöre der Miliz angespielt hätte.

Andererseits fehlen machtverherrlichende Kunstwerke, wie sie in Hitlerdeutschland oder auch Stalins Sowjetunion zuhauf produziert wurden. Wenn der höchst erfolgreiche Pietro Gaudenzi 1939 ein Wandbild zum stockkonservativen „Premio Cremona“ mit dem Thema „Die Schlacht um den Weizen“ einreicht, dann zeigt er die archaische Welt des italienischen Südens. Erster Preis, 50 000 Lire, Mussolini höchstselbst beehrt Cremona. Modernisierung und Produktivitätssteigerung aber, auf die Mussolinis Politik der Autarkie zielte, kommt darin nicht keineswegs zum Ausdruck. Was blieb, ist ein dreiteiliges Tafelbild ohne jeden Zeitbezug. Ewiges Bauerntum.

Corrado Cagli hingegen malte für den Italienischen Pavillon bei der Pariser Weltausstellung von 1937 eine Serie von Wandbildern mit der Geschichte Roms – von Romulus bis Mussolini. Zwei sind jetzt in Florenz zu sehen, eher surrealistische Visionen des christlichen Rom voller Kirchen und Kuppeln. Cagli wurde bald heftig angegriffen und als Jude diffamiert – der Befehl zur Zerstörung der Wandbilder jedoch blieb unausgeführt. Sie verschwanden einfach in irgendeinem Depot, eine Lösung all’italiana.

So hängt denn auch einigermaßen fremd Hitlers Lieblingsbild, Adolf Zieglers Triptychon „Die vier Elemente“ von 1937, in der Ausstellung, als Hinweis auf die Kunstdiktatur in Nazi-Deutschland. Nennenswerte Propagandaerfolge hat sie bekanntlich nicht erzielt; Zieglers Bild wurde hinter vorgehaltener Hand verspottet. Mussolini, und das ist der Unterschied, den die Ausstellung beweisen will, hat derlei Propagandakunst gar nicht erst befohlen. Die in einem Kabinett gezeigten Ausschnitte italienischer Erfolgsfilme – darunter „La signora di tutti“ des aus Deutschland vertriebenen Max Ophüls! – wirken wie ein Verlegenheitsanhängsel, gehört der Film doch den vom Regime gelenkten Massenmedien an. Denn die Massen wurden pausenlos indoktriniert. Als Fallstudie empfiehlt sich die Ausstellung des Florentiner Stadtarchivs über den „Besuch des Führers in Florenz am 9. Mai 1938“, die die minuziös geplante Ausschmückung der Stadt zum Treffen von Mussolini und Hitler dokumentiert (bis 31. Oktober.). Ein Viertel des kommunalen Jahreshaushalts ging damals für Fahnen und Spektakel drauf.

Wie sehr sich Modernität und Faschismus verschwisterten, ob in Architektur, Design, Mode oder Film, bleibt in der jetzigen Ausstellung unterbelichtet. Die bildenden Künste, so die Botschaft, wurden mehr oder weniger sich selbst überlassen. Das erleichterte es nach 1945 ungemein, den Faschismus zu verdrängen, als habe er in der Kultur nie stattgefunden.

Florenz, Palazzo Strozzi, bis 27. Januar, täglich 9–20 Uhr. Katalog, 254 S., 30 €.

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