Kultur : Die angesehene Institution sitzt auf gepackten Koffern

Katrin Hillgruber

Die Zeit drängt. Die Literaturwerkstatt Berlin am Majakowskiring im alten Diplomatenviertel Pankow droht ihr geschichtsträchtiges Domizil zu verlieren. Seit 1991 residiert die international angesehene Institution in der ehemaligen Dienstvilla des ersten DDR-Präsidenten Otto Grotewohl, die 1980 in den Besitz des DDR-Schriftstellerverbandes übergegangen war. Zu Wendezeiten wurde das Haus von Autoren besetzt, die seine Öffnung für die Literatur und Öffentlichkeit forderten. "Mit dieser Konzeption arbeiten wir bis heute", sagt der Leiter der Literaturwerkstatt Thomas Wohlfahrt.

Es gab da auch mal einen deutsch-deuschen Einigungsvertrag, der vorsah, dass Kultureinrichtungen des Ostens nicht geschlossen werden dürfen. Wer erinnert sich noch daran, fragt man sich skeptisch, wenn man die eigenartig zögernden bis schleppenden Antworten liest, die die ehemalige Kultursenatorin Christa Thoben und jüngst Monika Grütter, Vorsitzende des Ausschusses für Kulturelle Angelegenheiten, den Brandbriefen aus Pankow erteilten. Das Verfügungsrecht des Landes Berlin über die Immobilie Majakowskiring 46/48 endete nämlich am 31. Dezember 1999. Seit diesem Jahr befindet sich das Anwesen wieder im Besitz von Privatpersonen in England und den Vereinigten Staaten. Sie hatten 1991 die Jewish Claim Conference beauftragt, ihren Interessen nachzugehen.

Die von der Claim Conference eingesetzte Berliner Hausverwaltung wiederum weigert sich, dringende Reparaturen an der (literatur-)geschichtlich bedeutsamen Villa durchzuführen. Begründung: Die Literaturwerkstatt bezahle keine Miete. Das würde sie nach Auskunft Wohlfahrts gerne tun, doch hat der Senat keine entsprechenden Mittel von 200.000 bis 250.000 Mark dafür vorgesehen, obwohl die Entwicklung ja schon lange bekannt war. Christa Thoben schrieb am 1. März, der Senat habe sich "an alle Bezirke gewandt, nach einem Standort für die Literaturwerkstatt zu suchen; der Rücklauf ist noch nicht abgeschlossen." Das ist er offenbar bis heute nicht.

Mit dem Argument der ungeklärten Eigentumsfrage seien seit zehn Jahren keine Sanierungsmaßnahmen mehr unternommen worden, so Wohlfahrt. Er und seine Mitarbeiter sind durch die Pattsituation gezwungen, ihre bis ins Jahr 2002 reichende Programmplanung, die so anspruchsvolle und prestigeträchtige Projekte wie die "Lyrikline" oder den "Literaturexpress Europa" 2000 umfasst, auf gepackten Koffern zu leisten. Ein unhaltbarer Zustand.

Die nobelste Geste von Seiten der Politik (des neuen Kultursenators?) wäre es, wenn sich das Land Berlin entschlösse, das ehemalige Literaturhaus "Otto Grotewohl" zu erwerben. Der Kaufpreis liegt bei 2,2 Millionen Mark. Die Literaturwerkstatt könnte an ihrem angestammten Ort mietfrei weiterarbeiten, die Forderung des Einigungsvertrags wäre erfüllt, und das Haus würde nicht zweckentfremdet. Zur Zeit finden bereits Besichtigungen von anderen Kaufinteressenten statt, vor allem von Botschaften. Sollte sich einer für die Immobilie entscheiden, könnte die Literaturwerkstatt nicht einmal auf die üblichen Kündigungsfristen eines Mietvertrags pochen, denn es gibt ja keinen. Eine schnelle Klärung erscheint dringend geboten. Die Arbeit der Literaturwerkstatt ist zu wertvoll, um sie solch unwürdigen Zerreißproben auszusetzen.

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