Kultur : Die Angst im Walde

Liebe ist ein fieses Spiel: Jürgen Goschs „Sommernachtstraum“ am Deutschen Theater Berlin

Andreas Schäfer

Gerade ertönte ein Schrei der Empörung aus der „Süddeutschen Zeitung“, als ein Rezensent in Jürgen Goschs Hannoveraner Inszenierung von „Wie es euch gefällt“ viele Stilmittel fand, die auch schon Jürgen Goschs vier Jahre alte Hamburger Inszenierung von „Wie es euch gefällt“ auszeichneten. Der Bühnenkasten von Johannes Schütz weise die gleiche Kargheit auf, von der Decke riesele wieder stundenlang der Sand und die überwiegend nackten Schauspieler gäben, wenn sie keinen Text sprächen, lebende Bäume, die Tiergeräusche machten. Unverschämtes Plagiat, fasste der Kritiker zusammen.

Nun kommt nur wenige Tage später – nach mehrmaliger Verschiebung – am Deutschen Theater Berlin Goschs „Sommernachtstraum“ heraus und siehe da: Die tiefe, hölzerne Bühne des Johannes Schütz ist sehr karg (Sand rieselt allerdings keiner), die Schauspieler sind auch nackt (zumindest Ernst Stötzner als Puck) und geben, wenn sie gerade keinen Text sprechen, lebende, die Astarme in die Luft reckende Bäume, die Tiergeräusche machen.

Und nun? Berufsverbot für Jürgen Gosch wegen wiederholten Selbstzitats (Thalheimer, Wilson und Marthaler warten schon am Hartz-IV-Schalter)? Im Gegenteil! Mehr davon. Stilmittel sollten noch immer im Dienst der Geschichte stehen, und wenn sie dies wie hier so selbstlos tun, dann ist egal, dass es immer die gleichen sind. Und natürlich sind, wie meistens bei Gosch, auch beim „Sommernachtstraum“ die Schauspieler permanent anwesend und sitzen, während die Kollegen ihr wütendes Werk vollbringen, in Alltagsklamotten an der Stirnseite des Raumes.

Dass die Liebe für Gosch nichts Heiteres, Verspieltes hat, sondern aus ohnmächtigem Rasen, gierigem Ineinanderverbeißen und einsamem Zähneklappern besteht, zeigt gleich die erste Szene. Theseus und Hippolyta, also Bernd Stempel und Corinna Harfouch, führen einen handgreiflichen Balz- und Unterwerfungskampf vor, bei dem die Harfouch hündisch hechelt, als wäre sie bei Martin Wuttke in die Schule gegangen. Das ist durchaus im Sinne Shakespeares, dessen despektierliches Lachen über das Hehre und Schicksalhafte man an diesem Abend immer wieder durch das Erschöpfungsatmen der Schauspieler hört.

Liebe ist das Wort, das am häufigsten im „Sommernachtstraum“ vorkommt und dem Shakespeare in einer dreistufigen Prozedur den Garaus macht: Erst fasst er es mit den spitzen Fingern der höfischen Konvention an (die Handlung spielt am Hof von Athen), dann drücken ihm die erdverkrusteten Pranken dämonischer Waldwesen alles Romantische ab (nach Pucks Tropfenträufelei geht es zur Verwechslungsraserei in den Zauberwald), und schließlich wird es beim deftigen Schenkelklopfen vollends zerquetscht (am Ende kommt ein Stück im Stück, bei dem tumbe Handwerker die Liebesgeschichte von Pyramus und Thisbe exekutieren).

Gosch streicht das Höfische, also alles Anmutige und Minnesanghafte und konzentriert sich ganz aufs Kreatürliche, also auf die Fratze des Schmerzes und den Trost der kurzatmigen Orgie. Monologe, die von den allesamt psychosegefährdeten Figuren frontal ins Publikum gesprochen werden, wechseln mit tänzerischen Massenszenen, die freilich ohne Grazie auskommen müssen, denn die Herren machen einen erbärmlichen Eindruck. Sie lassen die Hosen, die sie als Athener tragen, als Elfen einfach auf die Knöchel fallen – halten dann in der Bewegung inne und sind vielstimmig aufgurrend, flötend und knackender Wald.

Das Grundgefühl dieser Tableaus ist durchaus unheimlich, düster, verzweifelt. Die Leichtigkeit, die Gosch der Liebe ausgetrieben hat, holt er über die Hintertür der Parodie wieder zurück. Die Übertreibung und das Enthemmte aber sind nicht jedermanns Sache. Die sonst eher strenge Corinna Harfouch als koboldhaft tollende und daumenlutschend träumende Titania/Hippolyta wirkt nicht ganz in ihrem Element, während Bernd Stempel souverän auf dem Grat zwischen Ernst und Ironie balanciert, den Gosch seinem Ensemble gezogen hat. Als Griechenführer Theseus donnert er erhaben und sieht eine lustige Kopfdrehung später wie der König der Regenwürmer aus.

Ernst Stötzner, der in Düsseldorf schon Goschs nackter „Macbeth“ war, ist als Puck großartig, gerade weil er als Auslöser der Verwechslung selbst nicht auf den Punkt zu bringen ist. Stötzner bewegt sich inzwischen völlig natürlich nackt auf der Bühne: er beobachtet fies, greift beherzt ein, zuckt dann aber aufgeschreckt vor den Konsequenzen seiner Tat zurück. So müssen Kobolde sein. Nicht die Herren, sondern nur die Verursacher des Schlamassels. Herr des Ganzen bleibt Meister Zufall, der im Hintergrund mahlend und ohne Gnade seine Arbeit tut.

Der desillusionierte Blick auf die Liebe führt auch zu Durchhängern. So verliert der eigentliche Höhepunkt der Komödie, die Auflösung der Verwechslung, durch die für Hermia (Meike Droste) Helena (Alware Höfels) , Demetrius (Maximilian von Pufendorf) und Lysander (Niklas Kohrt) die Welt wieder zu ihrer alten Ordnung findet, jeden Witz. Denn Goschs Welt hat nie eine andere Ordnung als die des Albtraums gehabt.

Das Theater stellt seine Mittel aus: es ist nur logisch, dass das Highlight des Abends eine Aufführung in der Aufführung ist. Die Handwerkertruppe, angeführt von Peter Squenz, dem Matthias Bundschuh den wunderbar nervösen Ehrgeiz des ewigen Regiehospitanten gibt, führt Pyramus und Thisbe auf. Mondhafter glotzen als Michael Benthin in der Rolle des Himmelskörpers kann man nicht. Undankbarer ist nur die Rolle der Wand, die Falk Rockstroh mit der für diese Aufgabe nötigen lakonischen Geduld meistert. Der Löwe, der bei Shakespeare Thisbe erschreckt, ist bei Gosch ein Bär, dem Stephan Grossmann würdevolle Tollpatschigkeit verleiht. Grossmann war übrigens auch schon vor zehn Jahren dabei, als Gosch den „Sommernachtstraum“ am DT schon einmal herausbrachte. Damals war Gosch noch romantischer – und lange nicht so weise.

Wieder am 28.5.,11.u. 12.6. und 1.7.

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