Kultur : Die Angst unter der Haut

Wenn der Zuschauer aufhört, die Absichten des Regisseurs zu registrieren, erst zum Betroffenen und dann zum Mitleidenden wird, erreicht Theater, was es eigentlich kann.John Coltons Inszenierung von "Playland", einem Stück des Südafrikaners Athol Fugard, geht auch über diesen Punkt noch hinaus.Daß sie sich einen Moment lang zusammenreißen mußte, um nicht selbst auf die Bühne zu stürzen, ist der Kritikerin bisher eher selten passiert.Dabei fangen Stück und Inszenierung langsam an, streckenweise zu langsam.Der Schwarze Martinus Zoeloe (Errol Shaker) bewacht den Eingang des Rummelplatzes "Playland", der Weiße Gideon Le Roux (Roger Tebb) kommt dorthin, um sich zu amüsieren.Es ist der letzte Abend des Jahres 1989, in dem nach 23 bitteren Jahren der südafrikanische Grenzkrieg zwischen Armee und SWAPO beigelegt wurde.Auf der Oberfläche ist die Normalität wiederhergestellt, aber in Wirklichkeit kann davon keine Rede sein.Martinus kann die Schuld, die er auf sich geladen hat, nicht loslassen, weil sie das einzige ist, was er hat.Gideon windet sich im eisernen Griff seiner Schuld, die sein Leben bis in den Schlaf hinein bestimmt.Die beiden umkreisen sich, widerwillig der eine, hektisch um Kontakt bemüht der andere.Dicht unter der Oberfläche von stummer Ablehnung und markigen Sprüchen lauern die Ängste.Je mehr die Spirale sich dem blanken Entsetzen nähert, desto stärker wird das Spiel der Darsteller.

Wie kann man neu anfangen, wenn man sich jahrelang gegenseitig gequält und immer mehr echte Gründe für den vorschriftsmäßigen Haß geliefert hat? Am Ende haben der Schwarze und der Weiße nur noch die Wahl, unerlöst zu krepieren oder einen Schritt in Richtung Vergebung zu wagen."Playland" handelt von Südafrika, aber die Liste der Länder, in denen das Stück ebenso gut spielen könnte, ist lang.Eine Vorstellung von der Qual der Menschen, die sich auch der gutwilligste Nachrichtenbetrachter innerhalb kurzer Zeit nicht mehr machen kann - hier ist sie.

SUSANNA NIEDER

Theatre Of The Pretty Vacant, Fidicinstr.40, bis 6.12., jew.Mittwoch-Montag, 20 Uhr.

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