Kultur : Die Angst vor der Freiheit hört nie auf

Die New Yorker Publizistin Marcia Pally ermuntert ihre Leser, die Grundwiderspüche der Demokratie auszuhalten

Harald Martenstein

Die Beichte in ihrer heutigen Form wurde von der katholischen Kirche erst relativ spät eingeführt. Es war eine Antwort auf die Reformation. Nur die Evangelischen durften damals allein, ohne Anleitung, in ihrer Sprache in der Bibel lesen. Sozusagen autonom. In der Beichte durften sich endlich auch die Katholiken als einzigartig erleben. Die Einführung der Beichte, schreibt Marcia Pally, war ein Schritt auf dem Weg zum modernen Individualismus. Der Beichtende in der Kirche zeigt einerseits, dass er dazugehört. Trotzdem erlebt er sich, in seiner Schuld jedenfalls, als Individuum.

Darauf kommt es in der Moderne immer an. Auf die Balance zwischen dem beruhigenden Eingebundensein und dem verlockenden, gefährlichen Alleinsein. Die Selbstoffenbarung ist ein Ritual, das beides ermöglicht. Deshalb ist sie so beliebt. Beichte und Talkshow haben tatsächlich die gleiche Wurzel.

Marcia Pallys Buch hat einen schönen, klaren, aber etwas unheimlichen Schlüsselsatz. Er heißt: „Die Angst ist die Begleiterin der Freiheit.“ Keine Freiheit ohne Angst?

Freiheit ist kein Paradies. Wer das Paradies von ihr erwartet, wird sich früher oder später enttäuscht von ihr abwenden. Davon handelt „Lob der Kritik. Warum die Demokratie nicht auf ihren Kern verzichten darf“. Bei der Entwicklung eines Kindes, in der Entwicklung der westlichen Gesellschaften, in den Liebesgeschichten: überall findet man diesen Widerspruch zwischen Einbindung und Loslösung, zwischen der Sehnsucht nach Freiheit und der Sehnsucht nach Geborgenheit. Freiheit ist schön, aber sie löst Fluchtreflexe aus. Fast jeder von uns träumt sich manchmal zurück in den gemütlichen warmen Mantel der Unmündigkeit, in die Kindheit, in eine idealisierte Vergangenheit, ins Irrationale, oder sogar in irgendeine fundamentalistische Bewegung mit klaren Begriffen von gut und böse. Letztlich ist die kritische, skeptische Gesellschaft, in der wir leben, das Beste, was die Geschichte bisher zu bieten hatte. Aber es gibt ein paar Wünsche, die sie nicht erfüllen kann, sie hat ein paar unlösbare Widersprüche. Die Massendemokratie bringt zum Beispiel massenhaft Mittelmaß hervor. Und jede Loslösung von Traditionen, auch von den schlechten, bewirkt ein Gefühl der Entwurzelung.

Ein „Lob der Kritik“ kann nur ein kritisches Lob sein. Pally, die New Yorker Kritikerin, Essayistin und Hochschullehrerin, die für Blätter in den USA und in Deutschland schreibt (immer wieder auch für den Tagesspiegel), zeigt: das kritische Denken wimmelt von Widersprüchen. Schon Voltaire schlug sich mit dem Problem herum, dass ein unwissendes Volk sich nicht regieren kann – es gibt also Voraussetzungen für die Demokratie (vielleicht sogar im Irak) , und es darf keine Toleranz für die Feinde der Toleranz geben. Aber wo liegt die Grenze, wer soll Richter sein? Ungelöst, bis heute. Und ausgerechnet die Moderne, diese Zerstörerin von Bindungen und Traditionen, empfindet selber immer wieder das Neue als Gefahr, von der Eisenbahn bis zum Internet. Das Neue ist immer angstbesetzt, weil das Individuum in der Moderne unsicher ist. Ständig sucht es nach Sündenböcken, nach Ausreden oder Gründen für seine Angst vor der Freiheit, für sein Gefühl der Entwurzelung. Die Antwort kann es in der linksliberalen Kulturkritik oder bei Jörg Haider oder im religiösen Fundamentalismus finden, je nachdem. Die Angst wird immer da sein. Aber man kann sie mildern, schreibt Pally, wenn wir auf das Gleichgewicht zwischen Loslösung und Einbindung achten, in der Politik und im Leben.

Es gibt nicht wirklich eine Entfremdung zwischen den Amerikanern und den Deutschen, dafür ist die Liberale Pally ein gutes Beispiel. Es gibt aber eine Achsenverschiebung in den USA, die sie genau und grimmig beschreibt: Die Macht ist in den Händen von Kreisen, die den ungemütlichen Aspekten der Freiheit misstrauen, die eher das Christentum und weniger die Kritik für den Kern des westlichen Selbstverständnisses halten. Der Kern der Demokratie aber ist für Pally der Zweifel, an allen Wahrheiten, allen Autoritäten – nur das macht die Demokratie gleichzeitig so stark und so ungemütlich. Wahrheit, schrieb einer der Aufklärer, sei lediglich eine Art Ehrentitel für „Ideen, deren Erklärungskraft sich bewährt hat“.

Es ist ein sehr ehrgeiziges, sehr gelehrtes Buch, trotzdem voller Esprit, wie das fast nur amerikanische Intellektuelle hinbekommen (oder Briten). Es will allerdings ziemlich viel gleichzeitig. „Lob der Kritik“ beschreibt erstens, warum George W. Bush nicht der Siegelwart der westlichen Demokratie ist, sondern eher das Gegenteil. „Lob der Kritik“ liefert zweitens eine kleine, hochkonzentrierte Geschichte des aufklärerischen Denkens, von Montesquieu, Hobbes und Locke bis Foucault. Außerdem ist es natürlich ein Essay über die Grundwidersprüche der Demokratie, die man trotz dieser Widersprüche lieben und verteidigen sollte. Und es führt die Methode des kritischen Denkens an verschiedenen aktuellen Themen vor, mit Exkursen über Steven Spielbergs Film „A.I.“, über Gewalt im Fernsehen, über die Gen- und Stammzellen-Debatte, etcetera. Es ist ein bisschen viel, es mäandert und verzettelt sich deshalb gelegentlich. Mussten denn auch noch unbedingt Michael Coles Forschungen über usbekische Bauern und das Verhalten der Syphilis-Mikroben vorkommen?

Marcia Pally: Lob der Kritik. Warum die Demokratie nicht auf ihren Kern verzichten darf, Berlin Verlag, 2003. 410 Seiten, 22 Euro.

Marcia Pally diskutiert am 12. Mai, 20 Uhr, im Roten Salon der Volksbühne mit Elisabeth Bronfen sowie am 14. Mai, 19 Uhr, in der Akademie der Künste mit Henryk M. Broder und Felix Ensslin. Leitung: Caroline Fetscher. Lesung: Matthias Matschke. Einführung: Jeannine Meerapfel.

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