Kultur : Die Angst vorm großen Orang Utan

Er ist wie Heinz Rühmann, aber mit Muskeln. Er wurde zum Vorzeige-Achtundsechziger einer Fernseh-Generation. Heute feiert der Schauspieler Götz George seinen 65. Geburtstag. Ist er der typische deutsche Mann?

Harald Martenstein

In der letzten Szene der letzten, 29. „Schimanski“-Folge hängt Götz George verschmuddelt an einem Fluggerät, hoch überm Ruhrpott, und brüllt „Scheiße!“ So brachte er seine berühmteste Rolle noch einmal auf den Begriff – den Körpereinsatz, die Antibürgerlichkeit, eine Virilität, die attraktiv und gleichzeitig pubertär wirkt. Schimanski war der Leit-Achtundsechziger des Fernsehens, ein Antiautoritärer, der als Kommissar ein bisschen Macht im Staat erobert hat, von der er widerwillig und ziellos Gebrauch macht. Schimanski, der erste Kommissar, der keine Vaterfigur sein wollte wie Erik Ode oder Horst Tappert, nur ein Kumpel.

Die Kunstfigur Schimanski bedeutete auch die Sexualisierung von Macht: ein deutscher Beamter, der Bettszenen hatte. Schimanski und Derrick, das war, was die Aura betrifft, ein Verhältnis wie Schröder und Kohl. Aber da war noch mehr. Götz George hat die Rolle des Verlierers erotisch und narzisstisch aufgeladen; Prügel stehen ihm gut. Er zieht anschließend sein Hemd aus und lässt sich stöhnend von schönen Frauen verbinden. Alice Schwarzer hat über ihn gesagt: „Vor Götz George haben die Frauen keine Angst.“ Weil er, der weiche Macho, selber welche hat. Bei Beckmann, in der Talkshow, hat er am Montag gesagt: „Um meine Angst zu überwinden, musste ich mir manchmal einreden: Du bist der Größte.“

Dass Heinrich, der Vater von Götz George in Nazifilmen aufgetreten war, machte die Kunstfigur Schimanski nur glaubwürdiger – ja, genau so waren die Väter von deutschen Männern, die dann selber auf keinen Fall Siegertypen sein wollten. Zugleich kann der Mensch Götz George, nach allem, was man so hört, autoritär sein, dünnhäutig, verbissen, ein Besserwisser. Sind nicht alle 68er so, wenn man ein bisschen an ihnen kratzt? Damals, in Folge 29, war Götz George übrigens 53 Jahre alt.

Zur Zeit findet in den Feuilletons eine kleine Männer-Debatte statt. Gibt es neuerdings eine Art Matriarchat in der Kultur? Die wichtigsten Moderatorinnen, die Verlegerinnen. Demnächst vielleicht eine Kanzlerin. Was das inhaltlich bedeuten könnte, stand vor ein paar Tagen in der „Welt“. Wird alles Harte, Aggressive tabuisiert, wird alles immer softer? Verschwinden die Kerle?

Die kleine Männer-Debatte klingt stellenweise wie eine bizarre Neuauflage der Debatte über das Frauenwahlrecht. Man könnte dazu vieles über die Klischees sagen und dass Frauen keineswegs grundsätzlich „sanft“ sind und Männer nicht „hart“. Altbekanntes Zeug. Und dann fällt einem natürlich Götz George ein, der weiche Kerl. Ein Heinz Rühmann mit Muskeln. Frank Schirrmacher erzählt in der „Frankfurter Allgemeinen“ von Orang Utans, die im Zoo ein Jahrzehnt lang in der Pubertät verharren. Sie haben Angst vor dem dominanten Orang-Utan-Mann, dem sie im Käfig nicht ausweichen können. Er würde sie angreifen, wenn sie Männer wären. Also bleiben sie Kind. Sperrt man den alten Affen weg, werden sie sofort erwachsen. Im gleichen Schirrmacher-Text steht der schöne Satz: „Worin sich die Gesellschaft erkennt, dem verschafft sie Erfolg.“ Erkennt sich die deutsche Gesellschaft in Götz George?

Mithilfe von Schimanski ist Götz George sehr lange jung geblieben. Schimanski war ein Charakter von 30, 35. Danach spielte George zum Beispiel den Massenmörder Fritz Haarmann, den uralten KZ-Arzt Mengele, einen Busfahrer, dessen Geist in der Alzheimerkrankkeit versinkt, einen alternden Creative Direcor, den alternden Boxer Bubi Scholz, einen alten Arbeitslosen. Sonderbar – aus dem zu lange jungen Götz scheint über Nacht der alte George geworden zu sein, die Lebensmitte wird übersprungen. Aus der Pubertät stürzt er sich übergangslos in die Altersdepression. Er hat es auch noch mal als Schimanski versucht, aber das passt nicht mehr.

Seltsam: Einer der virilsten deutschen Schauspieler spielt zuerst einen Mann, der nicht erwachsen werden will, dann Männer, die nicht mehr erwachsen sein können, weil die Kraft schwindet. Es sieht so aus, als ob sich in der Mitte des Lebens eine Tabuzone befindet.

Was ist überhaupt ein Mann? Herbert Grönemeyer beantwortet diese Frage ironisch. Als Alzheimerpatient versucht George eine spielerische Antwort: Er geht in eine Kneipe und beginnt mit letzter Kraft einen Flirt, in jener Krankheitsphase, in der einer gerade noch einen normalen Eindruck machen kann. Er ist auf der Kippe und weiß es, ein Wrack, das zum letzten Mal die Segel setzt. Ein verzweifelter Großtuer, der auf die Gnade seiner Betrachterin angewiesen ist.

Die typische Götz-George-Rolle: der Mann, der vor dem Orang Utan Angst hat. Aber der Orang Utan steckt immer in ihm selber. Diesen Affen kann keiner wegsperren.

Schimanski kann deshalb nicht Bundeskanzlerin sein, und er wird niemals „Christiansen“ moderieren. Heute wird Götz George, der Darsteller von schwachen, bösen, dummen und hin und wieder liebenswerten Männern, 65 Jahre alt. Er ist der Größte.

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