Kultur : Die anhörbare Ringparabel

Elisabeth Binder

Welche Tugenden bringen die europäische Kultur voran? Wie Blütenblätter regnete es Preise an diesem Wochenende und damit reichlich Antworten auf diese Frage. Die Stiftung Pro Europa, seit einem viertel Jahrhundert auf dem Gebiet der Kulturförderung aktiv, kommt jedes Jahr im Frühling zusammen, nach Wien, Krakau, Venedig und Paris nun also auch in Berlin. Das freute den Schirmherrn, Bundespräsident Johannes Rau und veranlasste ihn in seinem Grußwort bei der Auftaktveranstaltung im Schloss Bellevue zu Variationen über das Thema Brückenschläge. Dafür stehe die einst geteilte Stadt, aber auch die Stiftung, weil das wirtschaftliche und politische Zusammenwachsen ohne die Kultur überhaupt nicht möglich sei.

Zurück zu den Tugenden. Über den Veranstaltungen (nach dem Schloss Bellevue, ging es weiter in der DZ-Bank am Pariser Platz und später im Berliner Dom, Schauplatz der Auszeichnung des Metropoliten Daniel von Moldau und Bukowina, und der Staatsoper) lag etwas Heiteres kombiniert mit fein gezügeltem Temperament. In seiner engagierten Laudatio auf Senateur Louis Jung, den Träger des Europäischen Pro Humanitate Preises, gab Wolfgang Schäuble vor, was zählt: das Vertrauen der Mitmenschen, Idealismus und Erdverbundenheit, Menschlichkeit und Anstand, Gerechtigkeit und Treue. Eine weitere Hoffnungseigenschaft nannte Lettlands Kulturministerin Karina Petersone in ihrer Rede für Imants Lancmanis, dem die Restaurierung des Barockschlosses Rundale zu danken ist: "Ihm reicht es nicht, es so gut wie möglich zu machen. Sein Motto ist, das Beste zu tun." Offensichtlich teilen dieses Motto auch Ernst von Marschall und die Mitglieder der Orchesterakademie NRW, die mit viel Leidenschaft und Präzision Stücke aus der "Westside Story" aufführten und zudem für besonders wegweisende Brückenschläge einstanden. In dem Orchester spielen junge Israelis mit Deutschen und Palästinensern, die großen Weltreligionen sind dort friedlich vereinigt, was den Laudator Wolfram W. Klingler dazu veranlasste von "Musik als unmittelbar erlebbarer Ringparabel" zu sprechen, "prädestiniert, eine Rolle in der Völkerverständigung zu spielen, weil sie im Menschen etwas anspricht, was mehr ist als er selbst".

Auch die vorbildlichsten kulturellen Projekte haben mit Widerständen zu kämpfen, da geht es der Orchesterakademie nicht besser als seinerzeit Fürst Pückler. Die Fähigkeit, solchen Widerständen zu trotzen, gehört definitiv zu den preiswürdigen Tugenden. Im Fürst Pückler Park in Bad Muskau sieht Staatsminister Julian Nida-Rümelin heute "den faszinierenden Ausdruck gemeinsamer kultureller Verantwortung"; der Park verdiene es, in die Liste des Weltkulturerbes aufgenommen zu werden. Als "bezauberndes Pücklersches Juniorwerk" würdigte der Präsident der Stiftung Pro Europa, Ernst Seidel, außerdem den Schloss Fulwell Park in Umkirch.

Mit welchen Tugenden aber stärkt man so empfindliche Pflanzen wie Europa? Botschafter François Scheer, der den deutsch-französischen Kulturpreis an die Koordinatoren der deutsch-französischen Beziehungen, den (abwesenden) André Bord und Rudolf von Thadden übergab, nannte Entschlossenheit, Geduld, Achtsamkeit.

Johannes Rau freute sich, viele Botschafter zu entdecken, jetzige, ehemalige "und sicher auch zukünftige". Es gehört zu den Prinzipien der Stiftung Pro Europa, Ehrenpreise an sehr arrivierte Persönlicheiten zu verleihen und von Unternehmen gestiftete Förderpreise an junge Talente, also die klassische Brücke zwischen Alt und Jung zu schlagen, zwischen dem erfüllten Leben und dem hoffnungsfrohen. Das ist nicht nur ein tugendhafter Ansatz, er bekommt auch dem Programm, das exquisite Musikdarbietungen der Berliner Cellharmoniker, des Saxophon-Quartetts Balanced Action, des Trompeters Julian Sommerhalder, der Geiger Michael Hsu und Alissa Margulis, der Sopranistin Susanne Serfling und der Flötistin Olesja Tertytschnaya umfasste. Auch das Geigenduo Lasse Opriel und Bianca Adamek, die Cellistin Heike Schuch, der Staats- und Domchor Berlin, der Pianist Severin von Eckardstein und der Dirigent Asher Fisch gehörten zu den Preisträgern. Es lohnt sich, sie alle zu nennen, weil viele frühere Preisträger, zum Beispiel Anne-Sophie Mutter, später sehr berühmt geworden sind.

Zu den Höhepunkten zählte die Auszeichnung des Architekten Frank O. Gehry in der von ihm entworfenen DZ-Bank. Laudator Horst Bredekamp nannte andere Publikumslieblinge des Künstlers und Architekten, das Guggenheim Museum in Bilbao und die tanzenden Gebäude von Prag als Zeugen eines künstlerischen Lebenswerks, das die europäische Baukunst wiederbelebt hat und gleichzeitig in seiner Formspezifik ohne europäische Vorbilder nicht möglich gewesen wäre. Dann gab es noch den Baklin-Kulturpreis für Lennart Meri, Historiker und Staatspräsident von Estland 1993 - 2001 und (erstmalig) den Wissenschaftspreis für die Väter des als Nahrungsmittelhoffnung für die Dritte Welt entwickelten goldenen Reiskorns, Ingo Potrykus und Peter Beyer.

Bei so viel konzentriert versammelter Außerordentlichkeit ist es ein Wunder, dass die Veranstaltungen jemals zu Ende gegangen sind. Wenige Redner grummelten vernehmbar über die Fünf-Minuten-Zeit-Begrenzung. Dass der erste Teil sogar sehr pünktlich endete, brachte dem Protokoll des Bundespräsidialamts einen Sonderpreis in Gestalt eines Kompliments ein. So gelang mit der Tugend aller Künstler, dem Verzicht, am Ende auch der Brückenschlag zwischen den Weiten und den Tiefen der europäischen Hochkultur und ihrem gelegentlich zeitgeplagten Publikum.

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