Kultur : Die Anti-Info-Box

KNUT EBELING

Die Wiederandockung künstlerischen Handelns an die Realität liegt im Trend einer kulturellen Großwetterlage, die die Höhenflüge der Kunst auf den Boden des Sozialen zurückholt.Die letzte documenta gab den Ton an für den topographischen Aktivismus, wie er sich in der Ausstellung "Baustop.randstadt,-" in den Räumen der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst in der Oranienstraße manifestiert.Rund 50 Gruppen und Einzelpersonen beteiligen sich an einer interdisziplinären Gesamtschau, die von einem Filmprogramm und einer Videothek in den Markthallen am Alexanderplatz flankiert wird.Der Untertitel der Ausstellung kündigt Möglichkeiten "aggressiven, nicht-akkumulativen, städtischen Handelns" an; doch geht es heute nicht mehr um die Erreichung des Besten, sondern um die Vermeidung des Schlimmsten - und das mit verschiedensten Mitteln.In den Räumen der NGBK ist auf Stellwänden eine Hardcore-Dokumentation zu unterschiedlichen Themenbereichen entstanden.In der autonomen Szene ist man über das Fotografieren von Graffitis hinausgekommen.Didaktisch aufbereitet wie im Schulbuch, findet man Forderungskataloge neben Aufklärungsarbeit, Infowände neben Videofilmchen und Begriffsklärungen neben Diskursanalysen.Das ist trocken, aber informativ.Es geht um eine Art Anti-Info-Box.Gegen Berlin als Wirtschaftsstandort und Spekulationsobjekt wird die Forderung nach Transparenz der Diskurse laut, nach denen das hauptstädtische Leben in Zukunft funktionieren soll.In Themenkomplexen wie "Eigentum und Familie", "Nation" oder "Bedrohungsszenarien" soll gezeigt werden, daß das neue Berlin auf alten Maschen beruht.Dem leuchtenden Antlitz von Neubauten und Konsumarchitektur steht die archaische Fratze von Ausgrenzung, Repression und Unterdrückung umgekehrt proportional gegenüber.Der grassierenden Berlin-Euphorie wird ein Spiegel vorgehalten.Es wird eine Gegenrechnung zu Modernisierung, Privatisierung und Zentralisierung aufgemacht, bei der die Zukunft nicht so rosig erscheint wie auf dem Wahlplakat.Der Ernst der Zukunftsszenarios wird ergänzt durch gewisse Abweichungen von der Form der Dokumentation.Der wie zitiert wirkenden Dokumentation werden fiktive Elemente wie Erzählungen und Filme beigesellt, die den aufklärerischen Impetus der Ausstellung brechen sollen.Das gelingt nicht ganz und birgt zugleich den Vorwurf der Unglaubwürdigkeit.So schlingert die Ausstellung zwischen Aktionismus und Selbstironie, Engagiertheit und Distanziertheit ins Abseits ihrer eigenen Modernität.

NGBK, Oranienstraße 25, täglich 12-18 Uhr 30, sowie Videothèque Markthalle Berlin-Carré am Alexanderplatz, Do-So 16-20 Uhr, beide bis 11.Oktober.Filmprogramm im Arsenal und fsk.

0 Kommentare

Neuester Kommentar