Kultur : Die Antwort der Berge

Lust und Kunst: Stefan Schwieterts Jodel-Doku „Heimatklänge“

Silvia Hallensleben

Berliner kennen den Begriff: „Heimatklänge“ hieß das einstige Umsonst-undDraußen-Festival, das seit 1988 mit musikalischen Ausflügen rund um den Globus den Heimatbegriff neu besetzte. Europa selbst war allenfalls in seinen postkolonialen Spuren dabei, die Schweiz schon gar nicht. Die drei Schweizer Vokalartisten in Stefan Schwieterts gleichnamigem Film, der im jüngsten Berlinale-Forum präsentiert wurde und dort den Preis der Tagesspiegel-Leserjury gewann, hätten dennoch gut ins „Heimatklänge“-Programm gepasst. Denn hier wird zwar gejodelt, dass die Viertausender krachen. Doch mit ehrfürchtiger Traditionspflege hat das ebenso wenig zu tun wie mit Musikantenstadel-Remmidemmi.

Der in Berlin lebende Schweizer Dokumentarfilmer hat sich mit „A Tickle in the Heart“ und „El accordeón del diablo“ in die Herzen der Weltmusikfans gefilmt. Klezmer und musizierende karibische Alte waren damals in. Dann begann Schwietert, auch heimische Musiktraditionen und ihre Instrumente neu zu entdecken: das Alphorn, dann noch einmal das Akkordeon. Die menschliche Stimme scheint nun das konsequente Ziel einer solchen Reise, die Schweiz ihr natürlicher Ort. Wo sonst geben Berge einem Sänger so eindrucksvoll Antwort?

„Ansingen gegen den Widerstand der Landschaft“ nennt es Christian Zehnder, der intimen Ausdruck mit kunstvollen Scat-Vokalisationen verbindet. Noldi Alder ist ein abtrünniger Abkömmling einer Appenzeller Volksmusik-Dynastie, der die durch gefällige Harmonien gebändigten Melodien in die tonale Freiheit entlässt. Und Erika Stucky, zurück im Wallis nach dem San Francisco des „Summer of Love“, hat sich die Musik der Heimat mit experimenteller Lust angeeignet.

Doch nicht nur bei ihr öffnet sich der Erfahrungsraum – von der Kuhglocke zum Sound der Melkmaschinen und Bahnhöfe. Bei einer Reise nach Tuva, wo Zehnder mit den Kollegen von HuunHuur-Tu gemeinsam auftritt, verbindet sich die alpine Jodelkultur mit den Obertongesängen der reitenden Steppennomaden. Schwietert, der sich ähnlich frei in seinem Medium bewegt wie die Musiker in dem ihren, lässt immer wieder auch Trauer und Verlustängste anklingen. Ein geglückter Film, der nicht unbedingt glücklich macht. Großstädter fühlen sich bald ziemlich kläglich unter Menschen, die so zärtliche Begriffe wie Zäuerli, Hujen oder Jutzen kennen für das, was sie schnöde Jodeln nennen. Oder ist das nur romantische Projektion?

Delphi, FT Friedrichshain, Hackesche Höfe, International, Off; OmU im Arsenal

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