Kultur : Die Architektur der Kunst

Privates Geld schafft öffentlichen Reichtum: Basel ist eine Stadt der Museen und Sammlungen. Ihre Zahl nimmt beständig zu

Bernhard Schulz

In diesem Jahr ist Basel-Stadt der Gastkanton bei der Berliner Feier des Schweizer Nationalfeiertags am 1. August. Rings um dieses Ereignis soll möglichst tout Berlin von Basel Kenntnis nehmen.

Wo liegt Basel? Jedenfalls dort, wo der Rhein nach vielerlei Verseuchungen wieder sauber ist. Wer Abkühlung sucht, springt in den Fluss und lässt sich von der Strömung treiben, unter Brücken durch, vorbei an Münster. Dann steigt man wieder an Land, und zwar am (östlichen) Kleinbasler Ufer, ersteht an einem Stand ein Getränk, blinzelt in die Sonne und ist’s als Weltkind inmitten des Dreiländerecks von Schweiz, Frankreich und Deutschland zufrieden.

Basel, reiche Kapitale der Pharmaindustrie, hat Lebensqualität. Ein vorbildliches Nahverkehrssystem bringt den Besucher selbst bis in die außerhalb, im dörflichen Riehen gelegene Fondation Beyeler mit ihrer hochkarätigen Sammlung Klassischer Moderne im Bau von Renzo Piano. Basel, zuzeiten auch eine Theater- und eine Musikstadt, ist jedenfalls eine Kunstmetropole – oder besser, eine Stadt der Museen und Sammlungen. Großes Geld regiert seit jeher diskret im Hintergrund, und so sind die Basler selbst am wenigsten erstaunt, dass in ihrer Stadt mit lediglich 180000 Einwohnern immer wieder neue Orte der Kunst eröffnet werden: so wie vor Jahren das Tinguely Museum direkt am Rhein, die besagte Beyeler-Stiftung und unlängst erst das „Schaulager“, ein höchst ambitioniertes Mittelding zwischen Museum, Depot und Universitätsinstitut (bis auf Sonderausstellungen nur für Fachpublikum zugänglich; Infos unter www.schaulager.org ).

Das „Schaulager“ (Name geschützt!) wurde finanziert und wird unterhalten von der Laurenz-Stiftung und bewahrt die Kunstsammlung der Emanuel-Hoffmann-Stiftung: zwei jener Stiftungen, denen Basel ein Gutteil seines üppigen Kulturangebots verdankt. Entworfen hat den mächtigen, merkwürdigen Bau das Basler Architekturbüro Herzog & de Meuron, das längst im Begriff steht, die kleine Großstadt nach ihrem Bild umzuformen.

Lagern und schauen

Das zuletzt mit Preisen geradezu überschüttete Duo begann in seiner Heimatstadt bescheiden mit eigentümlichen, skulpturalen Funktionsbauten für die Bahn, fügte streng gegliederte Bürobauten hinzu und ist jetzt, nachdem sich Weltruhm und Prestigebauten allerorten eingestellt haben, damit beschäftigt, das von ihm gestaltete Fußballstadion zum Schweizer „Nationalstadion“ mit 40000 Plätzen hochzurüsten und das umgebende Areal zur profitträchtigen „Sport- und Eventstadt St.Jakob“.

Dennoch sind Herzog & de Meuron keine Kommerzarchitekten herkömmlichen Zuschnitts. Die beiden 1950 geborenen Basler sind vielmehr Intellektuelle, Darlings des Kulturbetriebs, dem sie Museen wie den Bau der Londoner Tate Modern geschenkt haben; sie arbeiten gern mit Künstlern zusammen und entwickeln mehr und mehr eine Aura, die man womöglich als die dünne Luft Basler Geistigkeit erkennen könnte. Inzwischen wird ihr Werk beschrieben, bedichtet und beraunt; und das Begleitbuch zur Ausstellung ihres Œuvres, die derzeit auf Tournee in Nordamerika ist und im kommenden Jahr im Schaulager gezeigt werden soll, trägt den verwirrenden Titel „Naturgeschichte“ und versammelt vor allem Texte, die die Grenze der Architekturdarstellung weit hinter sich lassen (Lars Müller Publishers, 472 S., 58 SFr.). Im Vorwort heißt es kategorisch, „dass Herzog & de Meuron durch ihre Praxis zentrale Positionen im architektonischen Diskurs erlangt“ hätten. Diese Positionen aber seien „im Wesentlichen künstlerischer Natur“. So ist denn auch das Schaulager ein Kunstwerk sui generis, laut Selbstauskunft „ein Ort, an dem Kunst anders gesehen und über Kunst anders nachgedacht wird“. In einem gesichtslosen Industriegebiet gelegen, kommt die skulpturale Wirkung des lehmbraunen, im Inneren klinisch weißen Kunstbunkers zur vollen Wirkung.Nicht allzu weit entfernt, im Zollfreilager Dreispitz, hat die Fondation Herzog ihren Sitz. Sie ist vom Bruder des Architektur-Prinzipals eingerichtet worden, Peter Herzog, der mit seiner Frau Ruth in 30 Jahren eine der bemerkenswertesten Fotosammlungen zusammengetragen hat: rund 300000 Fotografien, zumeist in Alben und von anonymer Hand, zeigen alle Aspekte vor allem des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, von der Industrialisierung bis zur Erkundung exotischer Länder. „Ich bin über das Familienalbum, diese einfachste und banalste Form, zur Fotografie gekommen“, bekennt der Sammler. „Mich fasziniert, dass diese Alben die immergleichen Wünsche, Sehnsüchte und Vorstellungen spiegeln.“

Das nur 200 Quadratmeter große Sammlungsdepot, innerhalb einer lang gestreckten Lagerhalle gelegen, ist gleichfalls vom anverwandten Architektenduo hergerichtet worden, in ebenjenem Minimalismus rigidester Ausführungsqualität, der das heutige Ideal von Ästheten und Asketen verkörpert (Infos: www.fondation-herzog.ch ).

Fotografien aus der Sammlung Herzog waren in der soeben zu Ende gegangenen Ausstellung des Basler Kunstmuseums zu sehen: „Orte des Impressionismus“, die die Wirkungsstätten von Monet, Renoir & Co. in zeitgenössischen Ansichten vorführte – und so das Ausmaß ihrer künstlerischen Invention sichtbar werden ließ. Eine weitere Herzog’sche Trouvaille macht derzeit im Tinguely-Museum die Ausstellung „Iwan Puni und Fotografien der Russischen Revolution“ zum Erlebnis. Erstmals zeigt das Zürcher Iwan-Puni-Archiv den Großteil seiner Sammlung des russischen Avantgardisten, der 1919 das gärende Land verließ, bis 1923 in Berlin für Aufsehen sorgte und dann nach Frankreich ging, wo er bis zu seinem Tod 1956 lebte. Auch aus der Sammlung der Berlinischen Galerie sind drei Werke – darunter der „Synthetische Musiker“ – in der Ausstellung vertreten, die in Berlin ihre folgerichtige zweite Station hätte (bis 28. September, Katalog bei Benteli, 48 sFr., Buchhandel 39 €).

Puni hat sich mit dem futuristisch gefärbten Einsatz von Buchstaben auf seinen Gemälden einen herausragenden Platz in der Geschichte der russischen Kunst erobert. Erst jetzt aber wird deutlich, wie fließend die Grenzen zwischen Kunst und Alltagsgestaltung waren, entstanden doch manche vermeintlichen Gemälde (und Assemblagen) als Ladenschilder im weitgehend analphabetischen Russland jener Tage. Die Fotos der Fondation Herzog, aus einem unschätzbaren Konvolut von dokumentarischen Aufnahmen des Jahres 1919 stammend, zeigen das brodelnde Petrograd – wie St. Petersburg nach dem Sturz der Zarenherrschaft hieß – mit seinen Umzügen, Dekorationen, Fahnen und elektrischen Lichtern zur Illumination von Straßen und Gerüsten.

„Die Kunst darf nicht in den Museumstempeln verfaulen“, heißt es bei Majakowski, „sondern soll überall sein, in den Straßen, Fabriken, auf den Tramways.“ Abgesehen davon, dass das Zitat ironischerweise im Basler Museum prangt, findet es durch die Kombination von Fotografien und Kunstwerken zu seiner Ursprungsbedeutung zurück.

Die Zukunft der Fondation Herzog ist ungeklärt. Die Arbeit der Katalogisierung und Konservierung übersteigt auf Dauer die Möglichkeiten des Sammlerpaares. Je mehr sich die Anfragen häufen, desto größer wird der Verwaltungsaufwand. Noch hält sich Peter Herzog bei der Frage nach der Angliederung an eine bestehende Institution zurück. „Sinn macht eine solche Sammlung nur, wenn man sie mit anderen teilen kann“, sagt er. Doch im Grunde sieht er derzeit keine Einrichtung, die den Eigenwert der historisch-dokumentarischen Fotografie und die Brisanz der Fragen, die sie etwa im Verhältnis zur etablierten Kunst aufwirft, wirklich erfasst hätte.

Mit Problemen ist überraschenderweise auch die Fondation Beyeler konfrontiert. Christoph Vitali, nach seinem Quasi-Rauswurf aus dem Münchner Haus der Kunst wieder in der heimischen Schweiz installiert, muss bei einem Jahresbudget von 13 Millionen Franken ein Defizit von fünf Millionen bewältigen. Trotz prachtvoller Sonderausstellungen wie derzeit „Expressiv!“ (bis 10. August, Katalog 58 sFr.) und Besucherzahlen von über 300000 jährlich ist die wegen der geringen öffentlichen Zuschüsse gebotene Eigenfinanzierungsquote von über 80 Prozent (!) nicht zu erreichen.

Ernst Beyeler, diese Basler Kunsthändlerlegende, hat nicht nur seine atemberaubende Kollektion der klassischen Moderne beigesteuert, sondern gleich auch den hochgelobten Museumsbau von Renzo Piano mit rund 75 Millionen Franken finanziert. Ein beständiges Betriebsdefizit kann er indessen nicht ausgleichen. Vitali, zuvor am Haus der Kunst und in der Frankfurter Schirn Kunsthalle ein Meister der Geldbeschaffung, setzt auf den Ausbau der Ausstellungsaktivitäten – ab 10. August mit einer Übersicht zu Paul Klees Spätwerkder Schweizer Jahre.

„Wir müssen daran arbeiten, die Destination Basel bekannt zu machen“, sagt Vitali. Merkwürdig – denn Basels Ruf als Kulturmetropole scheint doch unbestritten. Aber ist womöglich nicht ausreichend, um genügend Besucher auch von außerhalb des Dreiländerecks anzulocken? Gar aus Berlin? Der Schweizer Nationalfeiertag wird in der deutschen Hauptstadt diesmal in den Räumen der Schweizer Botschaft begangen: Der Erweiterungsbau der Botschaft wurde entworfen vom Büro Diener & Diener, dem zweiten großen Vertreter der Basler Gegenwartsarchitektur – und des Minimalismus, hinter dem sich höchster Anspruch durchaus elitär verbirgt. So ist ein bedeutendes Beispiel Basler Gestaltung in Berlin präsent – und bildet am 1. August den Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens der Hauptstadt.

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