Kultur : Die Architektur verwertet sich selbst Recycling als Programm:

neue-alte BSR-Müllhöfe

Jürgen Tietz

Auf den Recyclinghöfen der Berliner Stadtreinigung (BSR) gehört das Mülltrennen seit Jahrzehnten zum Alltagsgeschäft. Was also liegt näher, als auch ihre Architektur „wiederzuverwerten“ – wie jetzt am Steglitzer Wiesenweg geschehen? Das Architekturbüro Enno Schneider hat dafür die Halle eines denkmalgeschützten ehemaligen Pumpwerks des 19. Jahrhunderts, das bereits zuvor von der BSR genutzt wurde, restauriert und ergänzt. Das rote Ziegelgebäude wurde nur vorsichtig repariert; die alten Metallfenster blieben ebenso erhalten wie die Stahl-Holz-Konstruktion des Daches. Sogar die Hallenwände zeigen statt einer vereinheitlichenden Hochglanz-Restaurierung die Nutzungsspuren vergangener Jahrzehnte.

Größere Eingriffe beschränken sich auf die Ein- und Ausfahrt mit neuen Stahl-Glas-Toren sowie den Empfangsbereich, von dem aus die anfahrenden Kunden an die jeweiligen Müll-Container verwiesen werden. Den doppelgeschossigen Kubus hat Schneider so in die Halle gerückt, dass nur wenige Eingriffe am Bestand notwendig waren. Mit seiner grauen Metallverkleidung und dem markanten Eckfenster ragt er deutlich aus dem Altbau heraus und schafft eine kraftvolle Eingangssituation. Flankiert wird der neue Empfang von einem offenen Treppenhaus, das aber von einem hässlichen BSR-Werbebanner verhüllt wird.

In seinem Erscheinungsbild nimmt der neue Kubus die Materialität der Dachkonstruktion des Pumpwerks auf. Passenderweise besteht die Fassade aus Recyclingmaterial, ebenso der Holz-Ständer-Bau darunter. Das Gebäude selbst entspricht den Standards eines energiesparenden Passivhauses, wenn auch der Luftumlauf im Inneren noch optimiert werden muss. Und sollte sich irgendwann das Konzept des Recyclinghofes ändern, wäre der Stahl-Holz-Kasten einfach abbaubar, ohne das Baudenkmal zu beschädigen. Nur schade, dass Beschriftung und Überdachung der Containerplätze weiterhin die muffige BSR-Ästhetik zeigen. Hier wäre ein Ansatz für eine corporate architecture des Denkmal-Großbesitzers BSR.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben