Kultur : Die arme Verwandtschaft Die Berliner Opernreform wird diese Woche beschlossen.

Staatsopern-Chef Peter Mussbach legt sein Veto ein. Aber er irrt

Christine Lemke-Matwey

Am Samstag war im Feuilleton der „F.A.Z.“ ein Interview mit Peter Mussbach zu lesen, dem Intendanten der Berliner Staatsoper. Das fast eine Seite lange Gespräch war mit einem Foto versehen, welches Mussbach mit glühenden Augen, wilden Händen und offensichtlich in Rage zeigt. Das Ganze trägt die Überschrift „Man hält uns Intendanten für Idioten“. Auch im kleiner Gedruckten wird an Deutlichkeit nicht gespart: Sämtliche Zukunfts- und Bestandsgarantien für die Stiftung „Oper in Berlin“, die diese Woche das Berliner Parlament passieren soll, seien „Lüge“, die politische Umsetzung jenes vom Berliner Kultursenator Thomas Flierl ersonnenen Modells sorge in kürzester Frist mindestens für eine „Großfusion“, wenn nicht gar für die Schließung eines der drei Häuser – und Rettung verspräche einzig der Bund.

Aufregung vor Toresschluss

Genauer: die Übernahme eines Hauses durch den Bund. Noch genauer: die Übernahme der Staatsoper durch den Bund. Peter Mussbach möchte also am liebsten Intendant einer „Deutschen Staatsoper“ werden. Aus historischen Gründen, wie er sagt, und weil der vergleichende Blick nach Wien oder Paris durchaus Erfolg verspreche. Das allerdings gehe nur ohne die Stiftung.

Fünf Tage also, bevor in Berlin nach jahrelangem Ringen ein Gesetz beschlossen werden soll, das die versteinerten Strukturen der Berliner Opernlandschaft aufbricht und diese am Ende – glaubt man dem Kultursenator – flexibler, ja zeitgemäßer gestaltet, will einer der Betroffenen alles noch einmal aushebeln. Fünf Dinge sprechen dagegen. Zum einen will Mussbach, was ihm keiner verübelt, die eigene Haut retten. Im Gegensatz nämlich zur Deutschen Oper und zur Komischen Oper (den „armen Verwandten“, wie Mussbach sie zärtlich nennt) schreibt die Staatsoper derzeit schwarze Zahlen. Dank ihres internationalen Renommees, welches in der Hauptsache auf Daniel Barenboim zurückgeht, dank ihrer Gastspielreisen und der Aktivitäten der Staatskapelle als Konzertorchester. Von einer Dachorganisation wie der besagten Stiftung würde die Staatsoper als letzte profitieren.

Zum zweiten und um der Frage vorzubeugen, warum er sich erst unmittelbar vor Toresschluss derart in die Brust wirft: Eigentlich hat Mussbach es von Anfang an gesagt, zuletzt beim Intendantenschaulaufen in Sachen Opernreform vor dem Berliner Kulturausschuss im Oktober. Auf die Frage seitens der SPD freilich, ob die Staatsoper sich hiermit aus dem Solidarverband „Oper in Berlin“ ausklinken wolle, kam damals noch ein mattes „Nein, aber ...“ – in der Hoffnung wohl auf die Einsicht des Landes und die Huld des Bundes. Beides hat sich nicht erfüllt.

Zum dritten ist da die Rechnung, welche die drei Geschäftsführenden Direktoren der Musiktheater laut Mussbach bereits Anfang September vorgelegt haben und wonach die Stiftung 2006/07 in eine Unterfinanzierung von vier bis fünf Millionen Euro hineinschlittern werde (mit Aussicht auf zehn Millionen Minus bis 2009). Diese Rechnung scheint nicht zu berücksichtigen, dass das Gesetz nach Ablauf einer gewissen Frist alle existierenden Vereinbarungen (inklusive Flächen- und Haustarifverträge) ausdrücklich zur Disposition stellt. Der progressive Faktor der Opernstiftung also, die möglichen Früchte aller strukturellen Umbauten, sie werden hier mutwillig außer Acht gelassen.

Zum vierten besitzt Mussbach beim Bund so schlechte Karten wie nie: Kulturstaatsministerin Christina Weiss hat mehrfach betont, dass die ab 2004 nach Berlin fließenden zusätzlichen Bundesmittel in Höhe von 22 Millionen Euro (die auch der Akademie der Künste und der Stiftung Deutsche Kinemathek zugute kommen sollen) an das Zustandekommen der Opernstiftung geknüpft seien. Ohne Stiftung gibt es kein Geld für niemanden. Und die Staatsoper hätte den schwarzen Peter. Dass Mussbach im Gespräch mit der „F.A.Z.“ weder mit seinem noch mit Daniel Barenboims Rücktritt droht, zeigt, wie schwach er seine Lage einschätzt: Die Barenboim-Waffe hat sich in den vergangenen Jahren ein wenig abgewetzt. Und vor einer Staatsoper ohne Mussbach kriegt im Blick auf die künstlerischen Erträge des Hauses derzeit niemand richtig Angst.

Zum fünften sehen die Mehrheitsverhältnisse im Abgeordnetenhaus vor, dass das Stiftungsgesetz mit den Stimmen von Rot-Rot ohne großes Aufhebens durchgewunken werden kann – und wird. Mussbachs Intervention besitzt also einzig ideologisch-atmosphärischen Wert und dient dazu, sich für die nächste Zukunft eine günstige (und politikerseits gefürchtete) Ausgangsposition zu verschaffen. Der Einzige, der Peter Mussbach nun noch hilfreich zur Seite springen könnte, ist der Bundeskanzler – wie im Jahr 2000, als Schröder auf den Streit um die Musikergehälter mit einer kräftigen Finanzspritze für die Staatsoper reagierte.

Mit dem Rücken zur Wand

Der Kanzler aber wird sich diesmal hüten. Einerseits kann und will er Christina Weiss nicht düpieren, andererseits wird er sicher nicht in das kulturpolitische Horn der Bundes-CDU stoßen. Erst kürzlich trat Angela Merkel mit der Forderung nach einer „Deutschen Nationaloper“ an die Öffentlichkei. Insofern steht Peter Mussbach jetzt ganz allein mit dem Rücken zur Wand. Solidarität, so sagte die SPD-Politikerin Ute Vogt unlängst, sei nicht nur eine Sache der Starken gegenüber den Schwachen, sondern auch eine der Schwachen gegenüber den Starken. Vielleicht haben die „armen Verwandten“ noch einmal Erbarmen.

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