Die Asientournee des DSO (2) : In vertrauten Gefilden

Das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin vollendet seine Asientournee in Japan. Unser Kritiker Udo Badelt berichtet im zweiten Teil seines Reiseberichts.

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Das DSO im Tokioter Konzertsaal Bunka Kaikan Foto: Oliver Becker
Das DSO im Tokioter Konzertsaal Bunka KaikanFoto: Oliver Becker

Was für ein Unterschied. In Ulsan und Daegu, den beiden südkoreanischen Stationen auf dieser Asientournee des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin (DSO), war das Publikum jung: Teenager, Mütter, Kinder, erfüllte Stille beim Zuhören, ekstatischer Jubel nach dem letzten Takt. Jetzt sind wir in Tokio, Konzerthalle Bunka Kaikan im Stadtteil Ueno. Die Besucher: gesetzter, mehr Grauschöpfe, die Atmosphäre kühler  – zumindest zu Beginn des Konzerts. Liegt es daran, dass europäische klassische Musik für Koreaner neu und aufregend ist, während Japaner sie seit Jahrzehnten kennen und lieben? Eine der vielen Fragen, die sich auf dieser Reise wie beiläufig aufdrängen. Vor vier Jahren war das DSO kurz nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima in Japan. Damals war die Dankbarkeit des Publikums mit Händen zu greifen: Dass westliche Besucher kommen, dass etwas noch so funktioniert wie zuvor. Inzwischen ist Normalität eingekehrt.

Egmont-Ouvertüre, Eroica und 7. Symphonie von Beethoven klingen gut in diesem Saal, der ein architektonisches Juwel ist. Rote Bestuhlung, durchsetzt mit Grün und Gelb, an den Wänden riesige florale Holzapplikationen, jovial, hippiesk. Eine Zeitreise ins Japan der 60er Jahre. Alle Ensembles, die jemals hier waren, haben auf der Hinterbühne ihr Schildchen hinterlassen, auch Staatskapelle und  Staatsballett Berlin.

Zwischenstopp auf Coruscant

„Das Publikum ist unglaublich beeindruckend“, sagt Orchesterdirektor Alexander Steinbeis, „kein Husten, kein Geraschel, das ist wirklich einen neue Qualität des Zuhörens.“ Grade Japaner kennen ihren Beethoven genau. Für die Musiker eine Herausforderung, auch physisch: Die Eroica steht fünf Mal auf dem Programm. Der zweite Geiger Johannes Watzel etwa darf fünf Abende im langen zweiten Satz nur tiefe Saiten spielen, hat also ständig den Arm oben. „Man muss in den Schmerz hineingehen“, sagt er. Alles eine Sache der Übung. „Dafür ist es geniale Musik“. Es ist auch eine Gelegenheit, Stücke, die das Orchester zuhause nur ein oder zwei Mal spielt, in aller Tiefe zu erkunden. Weil Chefdirigent Tugan Sokhiev jedes Mal auf andere Details achtet.

Wehmut ist auch dabei. Weil es die letzte Tournee mit Sokhiev ist. Für Cellistin Claudia Benker sogar die erste und die letzte, denn sie war noch nie mit ihm unterwegs. Sie bewundert seine Fähigkeit, umzuschalten. Die Dinge erst laufen zu lassen – um dann, wenn er etwas anders machen möchte, sofort und ganz präzise „da“ zu sein. Und Johannes Watzel meint: „Ich kenne derzeit keinen anderen Dirigenten weltweit, der eine ähnlich gute Schlagtechnik hätte.“ Auf Sokhiev wartet nun eine Herkulesaufgabe: Er will sich stärker seinem Posten als Musikdirektor des Moskauer Bolschoi-Theaters widmen, für ihn eine Art  „Industriekomplex“. „Ich hoffe“, sagt er, „das ich das DSO auf ein neues Level heben konnte.“ Auf dem sein Nachfolger Robin Ticciati weiterarbeiten kann.

Freier Tag für alle. Tokio ist riesig auf eine Weise, die für westliche Besucher zumindest beim ersten Mal kaum erfasst werden kann. Das Gefühl: eine Stadt, die niemals endet, wie Coruscant, jene legendäre Hauptstadt der galaktischen Republik in „Star Wars“, die einen ganzen Planeten bedeckt. Tokio ist, anders als Stadtteppiche ähnlicher Größe wie Los Angeles, nicht hauptsächlich mit Ein-oder Zweifamilienhäusern, sondern fast durchgehend mit vielstöckigen Türmen bebaut. Alles ist Downtown. Adressen gibt es nicht, nur größere Straßen haben Namen, der aber nie dort angeschrieben ist, wo man selbst gerade steht. Orientierung funktioniert visuell, man prägt sich die Anzahl der Querstraßen bei Google Maps ein, merkt sich markante Punkte. „Die Unschärfe in der Bestimmung der Wohnung erscheint solchen (wie uns) unbequem, die sich an die Festlegung gewöhnt haben, das Praktische sei stets das Rationalste“, schreibt Roland Barthes in „Das Reich der Zeichen“. „Tokio erinnert uns daran, dass das Rationale lediglich ein System unter vielen ist.“

Die Solistenauswahl ist kein Wunschkonzert

Nach dem zweiten Tag staunt man sich nicht mehr, wie perfekt organisiert und sauber der Moloch  ist. Japan: Land ohne Papierkörbe. Was in Berlin binnen weniger Stunden zum Müllchaos neapolitanischen Ausmaßes führen würde – hier funktioniert es. Die Leute nehmen ihren Abfall mit nach Hause. Geht nur in einer Kultur, die seit Jahrhunderten auf Gehorsam, Achtung, Hierarchie getrimmt ist. Weil alle es tun, fängt man irgendwann selbst an, sich zu verbeugen, zu lächeln. Und fühlt sich eigentlich ganz gut dabei. Die nächste Stufe der Assimilation: Wechselgeld mit beiden Händen entgegennehmen, wie eine Hostie.

In der Suntory Hall, die ein großer Bierbrauer sponsert, wechselt das DSO-Programm: Brahms' erste Symphonie und Mendelssohns Violinkonzert. Große Vorfreude, entsprechend groß die Enttäuschung. Solistin Mayuko Kamio, immerhin mal Gewinnerin des Tschaikowsky-Wettbewerbs, spielt ohne jede Empfindung für den romantischen Überschwang dieser Musik, technizistisch, dünn, berührt die Saiten oft gar nicht, schummelt sich über die schönsten Details hinweg. Orchester haben oft nicht die Möglichkeit, sich auszusuchen, welche Solisten sie begleiten. Das macht der Veranstalter für sie, in diesem Fall die Agentur Kajimoto.

Die gibt auch den Tourneeplan vor. Mit dem Flieger geht’s ins südliche Kitakyushu. Bus, Flughafen, Hotel, Bus: Die Tage werden zum Livestream. Anstehen, einchecken, Warten lernen. Die Musiker machen Spielchen, balancieren sich gegenseitig mit den Fingern auf der Treppe, testen Vertrauen. Andere reden: über Noten, die Unmenschlichkeit von Vorspielen und die beste Art, Schubert zu interpretieren. Einer schnappt sich auf einem Markt eine Mandoline und spielt Don Giovannis Serenade.

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