Kultur : Die auf der Strecke bleiben

Frank Noack

macht heute mal drei Kreuze Die TV-Zeitschrift „Gong“, deren Chefredakteur Helmut Markwort später ein bekanntes Politmagazin ins Leben rufen sollte, verwöhnte ihre Leser einst mit einem ganz besonderen Service. Spielfilme wurden nicht nur mit einer detaillierten Besetzungsliste vorgestellt, sondern man erfuhr auch das Todesjahr der beteiligten Künstler. Wenn an einem Tag mehrere ältere Filme ausgestrahlt wurden, war die Seite voller Kreuze. Heute, bei der großen Zahl von Programmen, ist für so etwas kein Platz mehr. Und ein bisschen gruselig war das damals sowieso.

Der Film Angst essen Seele auf (1974) ist noch gar nicht so alt, dennoch müsste man auch hier hinter zahlreiche Namen Kreuze setzen. Bei den Gedenkveranstaltungen für Rainer Werner Fassbinder wird vergessen, dass nicht nur er relativ jung gestorben ist. Seine Vorliebe für psychisch instabile Darsteller brachte es mit sich, dass einige von ihnen ein frühes Ende nahmen. Ausgerechnet die Älteste, Brigitte Mira, hat am längsten gelebt. Die Rolle einer Putzfrau, die sich in einen wesentlich jüngeren Mann verliebt, wurde zudem für sie ein Neuanfang. Aber ihr junger Partner, El Hedi Ben Salem, wurde kriminell und hat Selbstmord begangen. Barbara Valentin, mit der er im Film die Mira betrügt, war ebenfalls kein langes Leben beschieden. Die wenigsten Fassbinder-Stars haben gesund gelebt. Er wollte keine piekfeinen Hochschulabsolventen, sondern Gezeichnete und Verlierer um sich (Freitag und Dienstag im Babylon Mitte).

Fassbinder mag der bedeutendste Gesellschaftskritiker seiner Generation gewesen sein; ein Tabu verletzte er nicht, schließlich wurde Gesellschaftskritik sogar von der Bundesregierung gefördert. In der Blütezeit Hollywoods war so etwas undenkbar. Passiert ist es trotzdem einmal. Da finanzierte ein großes Studio, hinter dem die Banken standen, einen Film über hungernde Farmer, die von den Banken enteignet wurden. John Fords Früchte des Zorns (1940) gründete auf dem gleichnamigen Roman von John Steinbeck – einem Bestseller. Wegen seines Erfolgs durfte das Buch verfilmt werden, trotz der Kritik an den Banken, und obwohl ein wenig schmeichelhaftes Bild von den USA gezeichnet wurde. Glaubwürdigere antikapitalistische Propaganda hätte man unter Stalin nicht produzieren können. Doch ach, der Kinoeinsatz in der UdSSR erzeugte nicht die erwünschten Resultate. Statt Genugtuung zu empfinden, weil es einigen US-Bürgern schlecht ging, empfanden die sowjetischen Zuschauer Neid und Wut. Die bettelarme Familie Joad besitzt in ihrem tiefsten Elend immer noch ein eigenes Auto, mit dem sie über Land fahren kann (Mittwoch im Arsenal).

Kontroversen hätte auch King Vidors Hallelujah (1929) auslösen können, der erste Tonfilm mit komplett schwarzer Besetzung. Er spielt in den Südstaaten, schildert Armut und Gewalt. Aber es kommt kein einziger Rassist darin vor. Die Probleme der Hauptfiguren sind triebbedingt. Wegen einer schönen Frau wird ein Landarbeiter kriminell. Für seine Rettung ist der liebe Gott zuständig. So einfach kann man gesellschaftliche Aufgaben delegieren (Montag im Arsenal).

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