Kultur : Die Aufbrecherin

Kathy wohnt hier nicht mehr: Gonzalo Justiniano erzählt in „B-Happy“ von einer Jugend in Chile

Jan Schulz-Ojala

Sanfte Auf- und Abblenden, dazwischen kurze, sprechende Szenen, wie eine Erinnerung von fern. Ein paar Leute, sehr übersichtlich wenige. Vom Reden nur das Nötigste. Und dazu hin und wieder ein zartes Pizzicato, aus dem sich der spröde Gesang einer Melodica erhebt, Kindertröte, Schlummerliedchen, viel zu lieb das alles, um wahr zu sein.

Als blätterten wir im traurig virtuellen Fotoalbum einer frühen Jugend, die gar nicht richtig durchstarten kann und weggeknickt wird durch die Ereignisse, oder sollte man sagen: Schläge – Schlag auf Schlag. Und die sich doch behauptet, weil Kathy (Manuela Martelli) sich selber aufrecht hält, stumm und störrisch und stark: So ist dieser Film des Chilenen Gonzalo Justiniano. Ein Film als bewegtes Bilderalbum, eisern voran Blatt für Blatt, und dann sind da noch die zwei Polaroids, fast hätten wir sie einzukleben vergessen – ein Polaroid von Mama mit Kathy, eins von Papa mit Kathy, naja, was sich gerade eben aufbewahren lässt auf düsterstürmisch angefangener Lebensreise.

Kathy ist 14 am Anfang, irgendwann wird sie 15, aber das Fest geht heftig daneben. Mit dem Bus ist es 20 Minuten in die Kleinstadt, wo die Schule steht, und von da eine halbe Tagesreise nach Valparaiso und einen kurzen langen Traum bis Arica. In Arica ist Kathys Großvater, der „Yugoslav“, eingewandert 1949; auch ihr Papa ist so ein „Yugoslav“, alter Mann mit blitzblauen Augen, und als der Film anhebt, kommt er gerade aus dem Gefängnis frei. Und da ist Kathys Mama, die beim Gemüsehändler schuftet und ihn drüberlässt schnellschnell im Lagerraum, und da ist ihr Bruder Danilo, der von einer Leadsängerkarriere träumt und wohl doch in der Gosse landet: so wie er schon reintaumelt ins Leben!

Komisches Elend. Mancher will es, unbehaglich berührt, gleich mit der Fliegenklatsche des Klischeevorwurfs unschädlich machen, doch so einfach geht das nicht. Denn da ist Kathy: Sie guckt das alles kühl an – ihre Ausgrenzung in der Schule als Tochter eines Knastinsassen, die kriminellen Rückfälle des Vaters, den ziemlich plötzlichen Tod der Mutter, den hastig verschämten Aufbruch des älteren Bruders in die große Stadt, wo ihn eine Art Zukunft lockt, und plötzlich ist sie allein. Als zwänge Kathy dem Film und ihren Zuschauern ihre eigene Ruhe auf, ihre fortschreitende, wohlbegründete Verfinsterung, in der sich alles zur großen Katastrophe zu rüsten scheint. Manchmal aber reicht dazu schon die Kette der kleineren.

Ein Stationendrama, unten geht es los und dann abwärts, abwärts, abwärts. Die engelhafte Geduld, mit der Kathy in all dem gut bleibt, unversehrt, seelisch sie selbst: Kann schon sein, dass man das manchmal nicht mehr so recht glauben mag. Andererseits vermeidet es der Film, aus all dem Dunklen grob Kapital zu schlagen, und beutet auch das Helle – es ist wenig und kostbar – nicht aus. Es gibt da eine Liebe, ja, das Wort ist schon zu groß dafür, die Kathy in der Niemandszeit zwischen dem ersten und dem zweiten Elend erwischt: Auch sie ist wieder ganz ruhig gesehen, mit Kathys Augen. Und natürlich erwischt sie sie nicht, sondern Kathy holt sie sich, probiert sie behutsam und geradlinig aus.

Tränenlos das alles, auch das Glück. Keine großen Überraschungen in diesem dahingealbträumten Familienalbum, das ein Streunerinnenalbum wird, schließlich ein Aufbruchsalbum ins Weite. Irgendwann fliegen die Bilder aus dem Fenster, verstummt die Melodica, aber da hat das Leben längst angefangen.

In Berlin im Kino Eiszeit (OmU)

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