Kultur : Die Aufräumer

Brutal: Ron Sheltons „Dark Blue – Die Farbe der Korruption“

Jens Mühling

Nicht nachdenken, abdrücken. Wer blind in ein Rattennest feuert, das ist Eldon Perrys Devise, der weiß vielleicht nicht, welche Ratte er trifft – aber in jedem Fall trifft es eine Ratte. Diese Stadt, das weiß Sergeant Eldon Perry, ist ein einziges riesiges Rattennest, und deshalb braucht Los Angeles einen guten Kammerjäger. Einen wie ihn, den Under-Cover-Ermittler Perry, dem der eigene Sinn für Moral mehr gilt als die verlogenen Parolen des Rechtsstaats, mehr als die kopflosen Weisungen seiner Vorgesetzten vom Los Angeles Police Department.

Selbstjustiz ist das Thema von Ron Sheltons „Dark Blue“, gedreht nach einem Buch des Krimi-Autors James Ellroy. Die Säulen der Gewaltenteilung existieren in Sheltons düsterem Los Angeles nur noch als Ruinenkulisse: Legislative, Judikative und Exekutive haben ihre Konturen verloren und zerfließen im titelgebenden Dunkelblau, der Farbe der Polizeiuniformen von Los Angeles. Da ist Racheengel Eldon Perry (Kurt Russell) nur der Protagonist einer politischen Kritik, die eigentlich auf den Fall Rodney King abzielt: Als im März 1991 vier weiße Polizisten in Los Angeles einen wehrlosen Schwarzen zusammenschlugen, brachte ein Video-Mitschnitt die Gesetzeshüter auf die Anklagebank. Ihr überraschender Freispruch stürzte Los Angeles in blutige Rassenunruhen – und lieferte das amerikanische Rechtssystem internationaler Kritik aus.

Vor diesem realen historischen Hintergrund inszeniert Shelton einen Polit-Thriller, der erstaunlich unpolitisch gerät. Sergeant Perry wird von seinem Vorgesetzten auf einen Raubmord angesetzt, den er nach gängigem Muster löst: Aus der Schwerverbrecher-Kartei wählt er zwei verhasste Sündenböcke aus, die bei der Verhaftung denn auch prompt ums Leben kommen. Was Perry nicht weiß: Die wahren Täter handelten im Auftrag seines Vorgesetzten. In das korrupte Geflecht, das sich nun nach und nach dem Zuschauer erschließt, scheint die halbe Stadtverwaltung von Los Angeles verstrickt.

Regisseur Shelton verlässt sich weitgehend auf Charakterstudien – und bricht „Dark Blue“ damit die politische Spitze ab. Denn als der Film schließlich in den Nachwirkungen des Rodney-King-Urteils gipfelt, erkennt der Zuschauer in den rassistischen Gewaltexzessen eben nur die Wirkung fehlgeleiteter Einzeltäter, nicht aber politische Motive. Auch das hingebogene Ende – der korrupte Polizeiapparat wird saniert, Eldon Perry wandert reumütig ins Gefängnis – will sich nicht recht in Sheltons misanthropischen Film fügen. Aus einem Rattenjäger wird kein Raskolnikow.

In sieben Berliner Kinozentren; Originalversion im Cinestar Sony Center

0 Kommentare

Neuester Kommentar