Kultur : Die Augen auf dem Hintern

Peter von Becker

Ein Hauch von Wehmut und Trotz, von Dankbarkeit und Erschöpfung weht jetzt durch das große Haus. Diese Premiere war zugleich ein Finale, und zum Abschied für Johann Kresniks Choreografisches Tanztheater an der Berliner Volksbühne gab es noch einmal rauschenden Beifall. Doch keinen Jubelsturm mehr - auch keinen Schrei des Protests. Alle haben verstanden: Die Volksbühne und ihr Intendant Frank Castorf trennen sich von Kresniks Compagnie nach acht Jahren der Zusammenarbeit aus Kostengründen, das zuerst. Aber es gibt auch künstlerische Differenzen. Seit geraumer Zeit war aus Kresniks tollem, aufbegehrenden Tanztheater nurmehr ein mattes Wüten geworden, oft gerade noch ein Selbstzitat. Veränderung und Entkrampfung tat Not. Selbstironie allerdings ist nicht eben Kresniks stärkste Seite, und so war auch sein Berliner "Don Quijote" vorletztes Jahr ein eher schmerzlicher Versuch, sich selbst als der urlinke politische Kämpfer in den Windmühlengefechten des romantischen Ritters und Träumers zu spiegeln.

Jetzt kommt er uns wieder ganz spanisch vor. "Picasso" heißt Kresniks Abschiedsvorstellung. Getanzte Biografien, erzählt aus Lebenssplittern und Werkpartikeln von Berühmten und Verruchten der Kunstgeschichte oder der Realhistorie, sind ja zu Kresniks Wahr- und manchmal (schönen, schrecklichen) Wahnzeichen geworden: "Sylvia Plath", "Macbeth", "Frida Kahlo", "Rosa Luxemburg", "Ernst Jünger", "Gründgens" oder zuletzt auch "Goya" sind seine Stücktitel. Einige waren Meisterwerke, und alle Signaltitel.

Ein Zeichen zum Anfang setzen will Kresnik auch in "Picasso. Während die spanische Rezitation einer lyrischen Stierkämpfer-Elegie von Garcia Lorca im Off verklingt, steht ein blecherner Koloss auf der Bühne, dampfend, ein bisschen Höllenkessel, ein bisschen Kunstkraftwerk. Das Monstrum öffnet sich, ist nun vielleicht ein surreales Strandzelt, und ein Mann trägt einen riesigen hohen Sonnenschirm: als schwankendes Dach über einem der neun an diesem Abend in weißen Strandshorts und im charakteristischen blauweißen Ringelhemd auftretenden Picasso-Darsteller. Natürlich zitiert und variiert dieses Bild eines der berühmtesten Picasso-Fotos: Pablo am Mittelmeer, die strahlend vor ihm her stolzierende Geliebte Francoise Gilot beschirmend. Im Original ist das eine heitere, freie Szene.

Bei Kresnik aber wird sie zugleich zum Kampf: Der Schirmträger soll wohl Picassos Vater sein, auch er ein Maler, der in der Realität freilich nie ein Übervater war, sondern das unendlich größere Talent seines Sohnes sofort erkannte und ihm den Weg zur Kunst und dem frühen Ruhm eröffnete. Das aber passt nicht so recht in Kresniks eigenen Kosmos, der Künstler immer nur als Zerrissene, Tragiker, Märtyrer kennt. Also kämpft hier der junge Picasso mit einer Staffelei, die er wie ein Joch oder das Kreuz Christi trägt; er windet sich um das Holzgestell, steckt den Kopf in einen leeren Keilrahmen, bis ihn eine Frau, die aus dem strandsandfarbenen Wellpappeboden kriecht, mit einem Stiefeltritt ins Gesicht zu Boden streckt. Olga, Picassos erste von vielen Musen, Mätressen, Ehefrauen - sie tritt den jungen Maler gleichsam aus dem (leeren) Bild. Ins Leben?

Diese Olga (Annabel Cuny) ist wie alle noch auftretenden, vortanzenden, sich hinräkelnden Picasso-Gefährtinnen halbnackt; manchen werden dann die Bäuche und Brüste verschmiert, mit dunklen Farben, die Picasso aus Putzeimern mit dem Schrubber aufnimmt. Das ist, statt Pinsel oder Pimmel, der grobe Besen des Macho-Malers. In Kresniks Kopf.

Es gibt an diesem Abend gewiss ein paar raffiniertere, an Kresniks alte Magie erinnernde Momente: Wenn aus dem Geraschel des Pappebodens (Bühnenbild Carlos Rios) allmählich eine Gewitterstimmung entsteht, wenn das Ensemble mit Blechtöpfen, Sägen, Klöppeln und einem Geigenbogen das Konzert eines spanischen Wandertheaters, einer Jahrmarkttruppe spielt (im Übrigen wirken Kurt Schwertsiks Musikarrangements für Klavier, Akkordeon, Cello und Techno eher diffus); wenn Picasso und ein rätselhafter Frauen-Schatten (Riccarda Herre) die neue Geliebte Dora Maar (Simona Furlani) von zwei Seiten an ihrem schwarzen Wollkleid zu zerren beginnen und Dora so in einen meterlangen lebenden Riesenstrumpf und Unglücksstumpf verwandeln. Doch dann gerät auch der Täter gleich wieder zum Opfer: Dieser neunfache Picasso, der seine Frauen gerne in leere Leinwände wickelt, wird immerfort selbst verschnürt: in Plastikfolien, mit Tesabändern, in Plastiksäcke. So werden Kunst, Leben, Liebe einer Jahrhundertgestalt zur ewig gleichen Verpackungs- und Enthüllungsmasche. Als sei alles Genie nur Entfesselungskunst.

Und die Politik, die Zeitgeschichte? Eine Anspielung auf "Guernica" bleibt fast unerkennbar. Dagegen erscheint Picassos Vision von "Traum und Lüge Francos" als Mischung aus düsterer Stierkampfarena und einer Palisadenfestung; auf ihrem hölzernen Wall balanciert eine Frau, die zwei Picasso-Friedenstauben im Gitterkäfig trägt. Kurz darauf durchbricht das Ensemble die Holzburg, stampft mit den Brettern martialisch auf den Boden, umzingelt dabei eine andere Frau mit dem schwarzen Dreispitz der Franco-Polizei auf dem Kopf. Sie machen die Bretter zu ihrem (und Francos) Sarg, über den sie ein rotes Tuch, die Muleta, werfen. Hierauf trägt die erste Frau bedeutungsvoll einige aus dem Gitterkäfig bereite weiße Tauben über die Bühne - zertritt aber eine von ihnen jäh auf dem Boden: auf dass es uns im Frieden nun nicht zu idyllisch wird. Kitsch, pardon, ist das trotzdem.

Doch nicht genug. Nun schleppt einer der Picassos (stellvertretend für alle anderen: Krzysztof Raczkowski) etwas auf dem Rücken, das Kresnik und sein Librettist Christoph Klimke "Spaniens Opfer" nennen. Es ist ein abgeschnittener Pferdekopf. Und wir ahnen schon, was passiert: Kresniks Picasso badet sein Gesicht in dem offenen Pferdehals, suhlt sich im Blut. Grob und krud. Ich stelle mir vor: Kresniks Picasso hätte stattdessen nur einen Finger in das Tierblut getaucht - und damit ganz leicht ein Bild in die Luft gemalt. Das wäre dann auch theatralisch ein Bild geworden. Für Picasso.

Wer auf Picasso schaut und aus ihm Theater macht, müsste wohl selbst eine Vision haben. Picassos riesendunkle Augen hatten ein Jahrhundert der Geschichte und Jahrtausende der Kunst aller Kontinente im Blick. Kresniks "Picasso" pappt einer neuen Geliebten gerade zwei Papieraugen auf den nackten Po, ein Sekundenscherz. Das leider sind die Proportionen des Abends. Und wir denken mit Wehmut an Kresniks grandiose Bilder von einst zurück: an den kindlich knäbischen Macbeth, der am Ende, das war damals ein aktueller Schock, wie Barschel (und der tote Marat) in der Wanne lag; an die mexikanische Malerin Frida Kahlo, die alle ihre Kinder verlor und sie bei Kresnik doch tanzend wie Blutklumpen an den Sohlen trug, bis ihr Mann und zu Lebzeiten berühmterer Kollege Diego Rivera ihr auch diese letzte Lebenskrücke von den Füssen stieß.

Mit solch emphatischen Bildern hat der heute 62-jährige Choreograph in Bremen, Heidelberg und Berlin die Welttanzszene verändert. Als großer, eigensinniger Künstler. Doch keiner ist heute wie Pablo Picasso, der jede und jeden, der seiner Sonne zu nahe kam, verbrannte - und der sich als Phönix bis zum Ende immer neu erschuf. Der aus der Asche jeder Kunst, jeder Liebe und selbst der Kriege sein Feuer machte. Davon erzählt "Picasso" fast nichts. Doch wenn am Ende die große Staffelei entzündet wird und als Feuerpendel über der Bühne hängt, treten hier Andy Warhol und Joseph Beuys als stummen Erben auf. So schrumpft die Welt. Und Johann Kresnik reist weiter an die Deutsche Oper Berlin, wo er als nächstes zusammen mit Daniel Libeskind Messiaens "Heiligen Franziskus von Assisi" inszeniert. Dann möge wieder ein Wunder geschehen.

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