Kultur : Die Auseinandersetzung beginnt erst

Gespräch mit dem Kurator und ehemaligen Beuys-Galeristen René Block über politische Arbeiten, Charisma und angemessenes Gedenken

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Morgen begehen wir den 20. Todestag von Joseph Beuys, einem der bedeutendsten und anspruchsvollsten Künstler des 20. Jahrhunderts. Verstehen wir ihn heute besser?

Ich bezweifle, dass das Beuys-Werk in seiner Gesamtheit, in all seinen doch sehr unterschiedlichen Aspekten bereits begriffen wird. Ich würde eher sagen, dass wir heute akzeptieren, dass wir uns mit Beuys und seinem Werk noch sehr intensiv auseinander setzen müssen. Positiv betrachte ich, dass das Verhältnis zu ihm nicht mehr von Emotionen geprägt ist wie vor 30 Jahren, als man ihn entweder verachtete, auch lächerlich machte oder bewunderte.

Wie würden Sie die Bedeutung von Joseph Beuys beschreiben: für die Kunst seiner Zeit, für die damalige Bundesrepublik und für die heutige Kunstwelt?

Die sechziger Jahre waren geprägt von dem Anspruch einiger Künstler, Kunst und Leben zu vereinen. In diesem Sinn hat Joseph Beuys zunächst als Mensch Kunst gelebt, sodann hat er als Künstler den Kunstbegriff erweitert – und dies nicht nur durch das Verwenden neuer Materialien. Die Erweiterung des Kunstbegriffs auf Denkprozesse und tägliche Handlungen hatte Einfluss auf die Gesellschaft und somit auf die Politik seiner Zeit, machte ihn zu einer öffentlichen Person der damaligen Bundesrepublik. Die Veränderungen, die er durch Leben und Werk demonstrierte, sind heute akzeptiert und adaptiert.

Beuys wirkte, neben seiner intellektuellen Schärfe und dem politischen Engagement, auch stark durch persönliches Charisma. Was bleibt davon nach 20 Jahren? Wird seine Kunst überdauern?

Sein zeichnerisches und skulpturales Werk sind ein bedeutender Bestandteil der Kunst des 20. Jahrhunderts in Museen und privaten Sammlungen. Seine Performances sind zum Teil in Film und auf Fotos dokumentiert. Nie war das Interesse daran größer als heute bei einer jungen Generation, die sein Charisma nicht direkt erleben konnte.

Verglichen mit der Kunst der siebziger Jahre scheint die heutige Kunst weniger politisch engagiert. Gibt es noch jüngere Künstler, die an Beuys anknüpfen?

Es gibt sie, aber ich finde sie eher außerhalb Westeuropas, zum Beispiel auf dem Balkan. Um politisch zu arbeiten, bedarf es konkreter Widerstände. Für eine „Generation Golf“ müssten die erst wieder erfunden werden.

2005 war in der Londoner Tate Gallery eine große Beuys-Retrospektive zu sehen. Verglichen damit wirken die deutschen Veranstaltungen zum 20. Todestag verstreut. Warum konnte man sich nicht zu einer großen Ausstellung wie vor zehn Jahren in Paris durchringen?

Wir haben glücklicherweise einige Orte in Deutschland, an denen Beuys sehr konzentriert präsent ist. Neben Darmstadt sind dies Berlin mit der Sammlung Marx im Hamburger Bahnhof, Schloss Moyland mit der Sammlung van der Grinten und auch Kassel mit den 7000 Eichen. In Berlin, Moyland und Kassel wird an den 20. Todestag in Veranstaltungen mit Zeitzeugen erinnert. In 15 Jahren, 2021, würde Beuys 100 Jahre alt. Ich könnte mir vorstellen, dass dann die Zeit reif ist für eine große Retrospektive.

Das Gespräch führte Christina Tilmann.

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