Kultur : Die Auslöserin

FRANK PETER JÄGER

Es ist wohl ihr berühmtestes Foto: Leonid Breschnew und Willy Brandt in lebhafter Debatte im Bonner Bundeskanzleramt, bedrängt von Beratern und Dolmetschern, Brandt mit höchst nachdenklicher Miene. Es war der erste Besuch eines sowjetischen Staatschefs in der Bundesrepublik. Ein Bild aus dem Jahr 1973, mit dem sich die Hoffnung auf Tauwetter verband. Die Fotografin hieß Barbara Klemm. Eines ihrer ersten Bilder von der großen Politik - und ein besonderer Coup: "Ich hätte gar nicht in dem Saal sein dürfen", erzählt Klemm. Durch einen Trick gelangte sie dennoch hinein. "Ich war jung und naiv und kannte die Hierarchien nicht, sonst hätte ich mich vielleicht nicht getraut, da so einfach hereinzumarschieren."Kollegen wie Darchinger und Lebeck gelangen später ähnliche Bilder, an diesem Tag aber gehörte ihr das Feld. "Das Bild ist mir ans Herz gewachsen. Es hat eine Intensität, die sich überträgt."Seit 1970 arbeitet Barbara Klemm, geboren 1939, als festangestellte Fotografin bei der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Dreißig der fünfzig Jahre Bundesrepublik begleitete sie mit ihrer Kamera. Kein Winkel der deutschen Gesellschaft, der im Oeuvre dieser Fotografin nicht vorkäme: Bundeskanzler und Bettler, Stahlkocher und Winzerinnen, Schriftsteller und Bierfahrer, Rentner und Regisseure. Ab morgen zeigt die Ausstellung "Unsere Jahre" im Berliner Kronprinzenpalais 250 Deutschland-Bilder Barbara Klemms aus der Zeit von 1968 bis 1998.Die Auswahl traf die Fotografin aus Tausenden von Negativen und Kontaktabzügen, und sie war mühselig. Ihr Büro in der FotoAbteilung der FAZ ist ein kleiner quadratischer Raum, dessen Wände bis in den letzten Winkel mit Regalen und Schränken vollgestellt sind.Barbara Klemm war keine Überfliegerin. Nach einer Fotografen-Ausbildung in ihrer Heimatstadt Karlsruhe stellte sie bei der "Frankfurter Allgemeinen" zunächst zehn Jahre die Druckplatten für Fotografien, die sogenannten Klischees her, ehe sie ins Lager der Fotoreporter wechseln konnte.Ihre Chance sah sie in der Politik, einem vom Stamm der FAZ-Fotografen bis dahin wenig beachteten Feld. Klemms Aufnahmen zeigten nicht die üblichen "Shakehands" und "Familienfotos", sondern hielten die Authenzität des Augenblicks fest. Fotos, die sprechen. Die vom ersten Breschnew-Besuch in Bonn erzählen von der Aufbruchstimmung, die sich in den Gesichtern selbst gestandener Berufspolitiker spiegelt. Welten trennen diese Bilder von jenem, das Klemm 1978 bei Breschnews zweitem Deutschland-Besuch auf Schloß Gymnich aufnahm: die Guillaume-Affäre überschattete die deutsch-sowjetischen Beziehungen. Brandt war gestürzt, er sitzt verloren am äußersten Rand der Szene und wirkt unendlich müde. Breschnew und Gromyko mit betretenen Mienen. Klemm hatte auf die Sekunde gewartet, in der das "keep-smiling" den wahren Gefühlen wich.Begonnen hatte alles 1968. Die Stimmung der Revolte animierte Barbara Klemm, die Chronistenrolle zu ergreifen. Durch ihren Lebensgefährten Leonhard Hilbert, der an der medizinischen Fakultät studierte, kam sie in Kontakt zur Frankfurter Studentenbewegung. Sie fotografierte die Protagonisten und ihre Aufmärsche, geboren aus dem Wunsch, dem Protest Bilder zu geben. Später folgten Bilder aus dem Häuserkampf im Frankfurter Westend und der heißen Phase der Nachrüstungsdebatte. Eines der bekanntesten zeigt eine Pazifistenschar, die in der Dämmerung auf der Zufahrt zum Mutlanger Raketendepot ausharrt, in ihrer Mitte Heinrich und Annemarie Böll. "Bewegungen" ist dieses Kapitel der Ausstellung betitelt, und seinen Bildern ist eine subtile Parteilichkeit eigen. Bei den Auseinandersetzung um die Frankfurter Startbahn-West Anfang der achtziger Jahre fotografiert Klemm die bis zum Horizont zu beiden Seiten eines Grabens aufgezogene Front aus Polizeihundertschaften und Demonstranten in dem Augenblick, als ein halbnackter Demonstrant den Polizisten die Hand wie zur Versöhnung entgegenstreckt. "Natürlich wähle ich einen bestimmten Moment aus, den ich zeigen will. Das macht den Blick subjektiv. Aber ich wollte nie vordergründig tendenziös sein." Sie biete eine Sichtweise an, sagt Klemm, das Urteil liege letztlich beim Betrachter. Eine Chronistin der deutschen Protestbewegung, angestellt ausgerechnet bei der konservativen FAZ? Klemm ist der Widerspruch durchaus bewußt. Warum sie dem Blatt treu blieb, begründet sie pragmatisch: Die Zeitung habe der Fotografie früher als andere eine eigenständige gestalterische Position eingeräumt. Die Bilder dienten nie dazu, die Löcher auf der Seite zu stopfen. Und sie fügt hinzu: "Um manche Fotos gab es heiße Diskussionen, aber ich bin damit immer durchgekommen."Als sie 1973 die Fotos vom Breschnew-Besuch in Bonn aus dem Hut zauberte, "da hat die Redaktion schon gestaunt". Doch es brauchte Zeit, bis die Blattmacher die Qualitäten ihrer Bilder im vollem Umfang erkannten. Auf der Bühne der Politik erarbeitete sie sich ihre Lorbeeren, größeren Anteil an ihrem Oeuvre aber haben die Bilder und Portraits aus dem deutschen Alltag. Vor allem hier nahm der "Klemm-Stil" seine Gestalt an: Auf den ersten Blick liegt der Effekt ihrer Aufnahmen darin, im richtigen Moment auf den Auslöser gedrückt zu haben. Doch bei genauem Hinschauen entpuppen sich fast alle ihrer Bilder als wohlkomponiert. Es sind fast unmerkliche Kompositionen.In den frühen Jahren holte sie die Gesichter noch sehr nah heran, ließ sie das Bild füllen. Später gefiel es ihr besser, wieder auf Distanz zu gehen, Platz zu lassen für die Umgebung der Portraitierten. Ihre Aufnahmen zeigen fast immer Totalen oder Halbtotalen, darin die Menschen an ihrem Ort: Ein Kardinal in seinem Arbeitszimmer; ihr Vater, der Maler Fritz Klemm, wie er gedankenverloren aus dem Fenster seines Ateliers blickt; drei Winzerinnen vom Rhein, die im Weinberg hocken und Mittagspause machen mit Kaffee und Wein. Jugendliche, die sich mit ihren Mopeds vor der Mondlandschaft eines sächsischen Braunkohletagebaus getroffen haben. "Bilder, in denen man spazieren gehen kann", nennt die Fotografin diesen Stil. Das Weitwinkel-Objektiv gehört zu ihren am häufigsten verwendeten Brennweiten. Fast alle, die sie in den 70er Jahren fotografierte, sind längst zu Ikonen ihrer Zeit entrückt, und Klemm wirkte mit an ihrer Mythenbildung: Helene Weigel, Rainer Werner Fassbinder, Ingeborg Bachmann, Theodor W. Adorno, Joseph Beuys, Heinrich Böll.Nur ein Punkt in der Menge dagegen Helmut Kohl im Dezember 1989 bei seinem Auftritt in Dresden: Die Menschenmenge vor der Tribüne ist in Dunkel getaucht, allein die Fahnen und Transparente und einen kleinen Teil der Menge streift ein Lichtstrahl - ein Bild von atmosphärischer Dichte wie die filigran ziselierte Massenszene eines Historiengemäldes. Daß es Klemm immer wieder gelingt, das Wesentliche eines Augenblicks einzufangen, macht ihre Bilder zu modernen "Epochegemälden".Sie fotografiert, wo sie geht und steht. "Die Kamera und zwei Objektive habe ich immer dabei." Auf dem Rücken eines Fotopapierkartons steht "Paare/Hochzeiten": Längst vergangene Augenblicke von Zärtlichkeit quellen auf den Tisch. Zwei Frischvermählte am Strand von Tel Aviv, ein sizilianisches Brautpaar vor einem antiken Tempel, ein Pärchen am Rande einer Demo, zwei, die nachts in einer Berliner Straßenbahn die Köpfe zusammenstecken.Es war ein zweischneidiges Schwert, sich als Frau in der Männerdomäne Pressefotografie zu bewegen. Bei politischen Anlässen schieben die Sicherheitsleute im Zweifel lieber die Frauen beiseite - "weil sie von uns weniger Widerstand erwarten - das macht mich jedes Mal unglaublich wütend". Andererseits habe man als Frau etwas mehr Narrenfreiheit, auch beim Fotografieren von Fremden.Daß sie als Frau nicht immer für voll genommen wurde, verhalf ihr allerdings zu einigen ihrer besten Fotos: 1972 gelang es Klemm auf der Leipziger Messe, sich als einzige West-Fotografin in den BesichtigungsPulk von Erich Honecker zu mogeln. Plötzlich stand sie allein mit der DDR-Prominenz vor einem Aufzug, und schon wollte sie ein Sicherheitsbeamter aus der Gruppe herausfischen. Da rief ein sehr aufgeräumter Honecker: "Ach laß doch das Mädchen mitfahren." Ein paar Minuten später gelangen ihr Bilder von Honecker, wie sie bis dahin kein anderer Fotograf in den Westen gebracht hatte.Erzählt sie von solchen Erlebnissen, merkt man ihr die Passion der Bilder-Jägerin an. Augenblicke, wo sie fast besinnungslos vor Anspannung alles um sich vergißt, nur noch auf den Auslöser drückt. Gute Aufnahmen bekomme man heute nur noch in der entscheidenden Sekunde vor den Polit-Auftritten oder am Ende, wenn Politiker und Reporter schon aufbrechen wollen.Eines der schönsten Bilder aus ihrer Serie von Breschnews erstem Bonn-Besuch zeigt, welches Aufsehen die junge Fotografin selbst bei den Staatsmännern hervorrief: Breschnew trat lachend auf sie zu und rief auf russisch: "Endlich einmal eine Frau, nicht immer nur Männer hier!"Um was es ging in dem Gespräch zwischen Breschnew und Brandt? Barbara Klemm erfuhr es später von einem der Übersetzer. "Sie bauten den Terminplan um, weil Breschew zum Arzt mußte. Er hatte Zahnschmerzen.""Unsere Jahre", Kronprinzenpalais, Unter den Linden 2, bis 5. Oktober, tägl. außer Mittwoch 10 - 18 Uhr, Eintritt frei. Katalog 42 Mark.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben