Kultur : Die Ausreißerin

Isild Le Besco, Jung-Star aus Frankreich, feiert im PANORAMA Premiere – in der wilden Romanze „Camping Sauvage“

Jan Schulz-Ojala

Doch, sie war schon mal in Berlin. Und das kam so. Dreharbeiten in Wien, zwei Tage drehfrei, sie fährt mit ihrem Bruder Jowan, er ist Kameramann des Films, nach Budapest. Auf der Rückfahrt verpassen sie Wien, Hauptbahnhof, es ist ein Nachtzug, und er fährt bis Berlin durch – ja, wirklich, glauben Sie mir, ohne Halt bis Berlin! Natürlich sind wir dann gleich zurück, der Film wartete, Wien wartete, Wien und das ganze Team.

In einem Film mit Isild Le Besco wäre das irgendwie ähnlich gelaufen, nur nicht mit, naja, dem sehr vernünftigen Ende. Filme mit Isild Le Besco enden nicht vernünftig, sie fangen auch selten vernünftig an, ja, sie wollen verdammt noch mal nicht vernünftig sein. Also: Isild wäre ausgerissen mit einem Mann oder auch einer Frau von irgendwoher nach Wien, warum nicht nach Wien, und der Zug wäre durchgefahren nach Berlin. Und am Morgen mit Schlafaugen rausgucken am Bahnhof Zoo oder demnächst anderswo. Und irgendwas wunderbar Unvernünftiges hätte in Berlin angefangen.

Nochmal von vorn: Isild Le Besco ist gerade der Berlinale wegen in Berlin, mit ihrem neuen Film „Camping sauvage“, was soviel wie „Wildes Zelten“ heißt, und das kam so. Da waren zwei junge Regisseure, Nicolas Bonilauri und Christophe Ali, die hatten diesen irren 40-Minutenfilm „Le rat“ gemacht, das heißt so viel wie „Die Ratte“, da sind die meisten Leute ziemlich schnell rausgegangen, aber nicht Isild Le Besco. Sie hat sich hingestellt nachher vor die beiden und gesagt: Und wenn ich euch irgendwie behilflich sein kann ... Dann haben sie in ein paar Wochen das Drehbuch zu „Camping sauvage“ geschrieben, und: Komm, spiel. Und sie spielt sich in den Film und reißt aus vom sturzlangweiligen Campingurlaub mit ihren Eltern, schnappt sich den unglücklich verheirateten, mittelalten Segelkurslehrer – und ab durch die Mitte in die Nacht, an einen anderen Strand, in die erste, ewige Liebe.

Aber halt, jetzt ist zwei Wochen vor Berlin, jetzt ist Rückblende in Paris im Grand Hotel Opéra Garnier Rive Droite Cinq Etoiles oder so ähnlich; wir reden, und Bruder Jowan hat die Kamera dabei, der stille Jowan, er zeichnet das Gespräch auf für einen Freund, der ein paar Isild-Le-Besco-Momente fürs Fernsehen braucht. Was reden wir? Ein bisschen erst von „Camping sauvage“ – was, Sie haben den Film schon gesehen, fragt sie gleich, und wie finden Sie ihn? Wunderbar unvernünftig, wie alle Ihre Filme, „A tout de suite“ zum Beispiel von Benoît Jacquot, da fliehen Sie Großbürgertöchterchen mit einem jungen Voyou Hals über Kopf nach Athen, wo er Sie sitzen lässt, und dann sind Sie einfach da mit dem Alleinsein und dem Weitermachen ganz vorsichtig nach einer Weile, ein Traum von Film in Schwarzweiß. Oder „Backstage“ von Emmanuelle Bercot, da sind Sie ein halbwüchsiger Fan von Emmanuelle Seigner, die einen französischen Popstar spielt, und sie reißen aus zu ihr, weg vom belgisch grenznahen Muffzuhause, reißen aus in ihr Hotel, das so aussehen könnte wie das hier, Grand Hotel und so weiter, aber leider leider leider kann man Ihre so schönen so unvernünftigen Filme in Deutschland immer noch nicht sehen.

Dann redet Isild, ein bisschen müde ist sie erst, Ringe unter den Augen, aber bald doch wach, glühender Blick, ein tanzendes Sprechen zwischen Sopran und Alt, Stimmbruch, Bruchstimme, die ab und zu „non?“ sagt, wenn sie was vielleicht ein bisschen zu sehr gemeint hat, kleine Vergewisserung der Jugend, hast du das, Jowan? Ich bin eine junge Frau mit einem bisschen Mädchen dabei, das ich immer behalten werde, „non?“; wenn ich für jemand Bestimmten spiele, einen Regisseur, dann kann ich sehr weit gehen, „non?“; man muss den Dingen folgen, wohin sie einen auch führen, „non?“ und noch und noch ein paar so schöne aus tiefstem Herzen Dahingesagtheiten. Nein, das ist keine Marotte, das klingt nur ganz leise nach, dieses „non“, ein Schnurren fast, hast du das, Jan?

Jetzt aber vernünftig. Isild Le Besco, 23, Vater Linguist und Gitarrist, Mutter Architektin, zwei Halbgeschwister von derselben Mutter, ferne familiäre Wurzeln unter anderem in Algerien und Vietnam. Irgendwie kein Elternhaus, ziemlich spießig das Wort, nein, ein Eltern-Zuhause gibt’s schon lange nicht mehr. Isild Le Besco reißt zum ersten Mal aus, will die Schule schmeißen, will Schauspielerin werden, mit 15 der erste Film mit Emmanuelle Bercot, aber die Mutter fordert eisern, dass sie einen Willen beweist, der mehr ist als das Warten von Rolle zu Rolle, und Isild schreibt ein Drehbuch, mit 16. „Demi tarif“ heißt der Film, den sie draus gemacht hat später, drei Kinder zwischen acht und elf streunen elternlos durch die Stadt, und ich hab sogar einen Preis dafür gekriegt, 10 000 Euro in Linz, stellen Sie sich vor, Linz!

Mit anderen Worten: Isild Le Besco macht die Männer verrückt. Manche Männer finden mich auch hässlich, sagt sie ohne Koketterie. Und Frauen, mögen die Sie? Dochdoch, sie hat Freundinnen, die sie bewundern und dennoch Freundinnen sind, und ein Star ist sie überhaupt nicht, ich kann ganz normal leben, wissen Sie, nicht der Sonnenbrillenscheiß und so – nein, das hat sie jetzt nicht so gesagt, oder, Jowan? Jowan schweigt, Jowan filmt. Isild Le Besco will, sagt sie, lieber im Strom sein als ganz allein auf der anderen Seite, dabei hat sie Einsamkeitserfahrungen gemacht noch und noch, beim Dreh von „Backstage“ zum Beispiel: Irgendwann war ich wie die Figur, die ich da spiele, die Vergessene, die Außenseiterin, weil alle mich so sahen, das kleine Mädchen, das dem Star hinterherreist und allein bleibt und heult, heult, heult.

Geht gar nicht in Paris, die Sätze zu denken, die ich später aufschreibe, so ein wunderbar normales junges Mädchen ist Isild, wie sie da katzenträg pantherwach rumplaudert eine Stunde lang und eine Bonushalbstunde, während Isild und Jowan heiße Zitrone mit Honig trinken, ihr Lieblingsgesöff, der Interviewer bleibt beim Wasser, er muss schließlich nüchtern sein. Für Sätze wie diese: Isild Le Besco, die laszivste unter Frankreichs Filmmadonnen, nein, streich das, Jowan, Isild Le Besco, die Schauspielerin, die jeden Film in einen Abgrund von Leben stürzt, schon besser. Und von Liebe; aber das musste jetzt ja so kommen.

Also. Aus dem „Sade“-Film mit Daniel Auteuil kennt man sie in Deutschland vielleicht, ein Engel, hat sich verflattert in den Aristokratenknast bei Versailles, wo der rotte Adel auf die Guillotine wartet. Und ab heute wird man sie aus „Camping sauvage“ kennen, deutschlandweltberühmt, und da müssen doch ihre anderen Filme auch ruckzuck hier zu sehen sein, in einer prospektiven Retrospektive gleich nach der Berlinale, das wär doch was. Endlich strandet Isild Le Besco mal nicht in Cannes oder Venedig, sondern landet in Berlin, Nachtzugvogelzufall, schwingt sich auf, schwebt. „Camping sauvage“ ist übrigens sehr schön mit sehr kleinen Schwächen und natürlich unvernünftig wie alle Isild-le-Besco-Filme, aber das sagte ich schon. Und aufhören mit dem Schwärmen muss ich jetzt auch und wieder ein bisschen vernünftig sein, aber das dachte ich schon.

Isild Le Bes co , geboren am 22. November 1982, ist eine der gefragtesten jungen Schauspielerinnen des französischen Kinos. Ihren

Erstling drehte sie mit 15 unter der Regie von

Emmanuelle Bercot ,

die sie immer wieder, zuletzt in „Backstage“, als Hauptdarstellerin

einsetzt. Große Rollen spielt sie auch bei

Benoit Jacquot , in

„A tout de suite“

und „Sade“.

Ihr erster Film als Regisseurin ist Demi-Tarif (2003), der auf den Festivals von Angers und Linz Preise erhielt. Im Panorama feiert sie heute (22.30, im Cinemaxx 7) mit Camping Sauvage von Christophe Ali und Nicolas Bonilauri ihre Berlinale-Premiere – die Liebesgeschichte einer rebellischen 17-Jährigen, die mit einem verschlossenen

Segelkurslehrer durchbrennt. Ihre Filme liefen, bis auf „Sade“, nicht in deutschen Kinos,

wurden aber in Cannes

und Venedig gezeigt.

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