Kultur : Die Außenseiterbanden

Gewalt des Augenblicks: Die HOMMAGE an Arthur Penn feiert das Abenteuer der Freiheit

Julian Hanich

Als plötzlich ein Vogelschwarm kreischend in die Luft stiebt, wissen beide sofort: Diese Landstraße ist ein Hinterhalt. Panisch schießen ihre Blicke hin und her. In die Todesangst mischt sich ein letztes Mal der Ausdruck von Zuneigung und Begehren. Dann rattern -tatatata- die Maschinengewehrsalven. In Zeitlupe zucken die durchlöcherten Körper durch die Luft. Die Geschütze der Texas Rangers lassen sie zappeln, als böten sie einen ekstatischen Tanz dar. Nach dem infernalischen Lärm kehrt Ruhe ein. Bonnie und Clyde sind tot.

Diese Szene hat Geschichte geschrieben. Ihr Einfluss lässt sich nachvollziehen von Sam Peckinpahs „The Wild Bunch“ über „The Killer“ von John Woo bis zur bullet time in „The Matrix“. Gefilmt mit vier Kameras, die das Geschehen in unterschiedlichen Geschwindigkeiten aufzeichneten, wurde hier Gewalt als Tanz des Todes inszeniert. Spätestens seit diesem Zeitpunkt war das klassische Hollywood als zu brav und unzeitgemäß entlarvt. Das New-Hollywood-Kino brach sich gewaltsam Bahn. Doch so berühmt diese Schlusssequenz und der Film „Bonnie und Clyde“ (1967) auch sind – das Bild des Regisseurs ist über die Jahre unscharf geworden.

Zu Unrecht. Wenn die Berlinale jetzt zu Ehren Arthur Penns zehn seiner Filme zurück auf die Leinwand holt, wird deutlich: Das Werk des am 27. September 1922 in Philadelphia geborenen Regisseurs, der vor über 50 Jahren beim Live-Fernsehen begann, ist keineswegs veraltet.

Beginnend mit seinem ersten Spielfilm, dem Billy-the-Kid-Western „The Left-Handed Gun“ (1957), hat Arthur Penn die Vor- und Nachteile abgewogen, die der Ausbruch aus dem stahlharten Gehäuse gesellschaftlicher Regeln mit sich bringt. Diese Thematik prädestinierte ihn für die counterculture revolution der sechziger und siebziger Jahre. In diesen beiden Jahrzehnten hat er seine besten Filme gedreht. In Zentrum des Werks stehen die charismatischen Rebellen und Gesetzesbrecher, die Drifter und Außenseiterbanden, die Individuen am Rande der Gesellschaft. Zum Penn-Club des Anti- Establishments gehören Jack Nicholsons Pferdedieb aus „The Missouri Breaks“ (1976), Dustin Hoffmans weißer Indianer „Little Big Man“ (1970) oder Robert Redfords entflohener Häftling in „The Chase“ (1966). Sie alle verkörpern die Freiheit des aufbegehrenden Individuums. In ihrer Ungebundenheit werden sie durch die weiten Fluren Amerikas getrieben wie Strohballen vom Präriewind. Auch weil sich der Konflikt der Konventionen am besten dort verdeutlichen lässt, wo die Regeln am stärksten verwurzelt sind, spielen Penns Filme oft fernab der Metropolen.

Penn war hochempfindlich für den raschen Wandel. Deshalb gibt es unter seinen Aufrührern immer wieder erstaunliche Frauenfiguren: die zügellose Georgia in „Four Friends“ (1981), die offenherzige Jane aus „The Missouri Breaks“, die liederlichen Kleinstadt-Gattinnen in „The Chase“. Sie lassen einen Grad sexueller Fortschritts erkennen, vor dem die Männer kapitulieren. Das geht so weit, dass sich Clyde gegen Bonnies Avancen mit demütigenden Impotenzausflüchten wehren muss. Schon hier zeigen sich aber die konfliktreichen Folgen, die mit dem Abschütteln gesellschaftlicher Fesseln einhergehen. Genau das macht Arthur Penns Filme heute noch so brisant. Oder werden sie vielleicht gerade wieder aufs Neue aktuell?

Der Ausbruch des Individuums wird bei Penn nie verklärt. Dafür ist er zu wenig Romantiker und zu sehr Realist. Stattdessen zeigt er die schmutzige Seite der Medaille immer mit. Daher sind Bonnie und Clyde zwar ungebunden, aber zur ewigen Flucht verdammt. Deswegen lässt sich Billy the Kid von keiner Autorität dazwischenreden, wird am Ende aber von der Obrigkeit qualvoll zur Strecke gebracht. Deshalb leben die Hippies in „Alice’s Restaurant“ (1969) in fröhlich-frecher Völlerei, bis sich Überdruss breit macht und die Sehnsucht nach Ruhe und Stabilität einkehrt.

In den sechziger und siebziger Jahren wurde das befreiende Element von Penns Filmen gefeiert. In unseren hochgradig individualistischen Zeiten, in denen der Verlust von Gemeinschaft und Bürgertum beklagt wird und ein Buch über das „Lob der Disziplin“ zum Bestseller aufsteigen kann, rückt die dunkle Seite in den Mittelpunkt. Weil Arthur Penn immer Gewinn und Verlust bilanziert, sind Lebenslust und Daseinsfrust untrennbar verflochten.

Jähe Stimmungsumschwünge kennzeichnen fast alle seine Filme. Die Schelmen-Geschichte „Little Big Man“ mit ihrem Mark-Twain-Humor gehört zu den komischsten Western des amerikanischen Kinos – bis sich urplötzlich die Gewalt gegen die Indianer entlädt. In „The Missouri Breaks“ spielt Marlon Brando einen exzentrischen Kopfgeldjäger, dessen tuntige Schrulligkeit einer Lachnummer gleicht – bis er sein Präzisionsgewehr in Anschlag bringt. Und „Bonnie und Clyde“ funktioniert über weite Strecken wie eine Gangster-Komödie. Dann fliegt der Vogelschwarm kreischend gen Himmel.

Täglich 15 Uhr (Zeughauskino) und 21 Uhr (Cinemaxx 4)

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