Kultur : Die Ausweicheier

Wo bleibt die Leidenschaft? An der Krise der Berliner Opernszene sind die Künstler selbst schuld

Frederik Hanssen

Spürt hier eigentlich noch irgendwer irgendetwas? Da versucht Michael Schindhelm als Direktor der Berliner Opernstiftung zurückzutreten – und keiner meldet sich zu Wort. Sicher, die üblichen Verdächtigen sprechen je nach Temperament von „vertaner Chance“ (Katrin Göring-Eckardt von den Grünen), „Desaster“ (Friedbert Pflüger, CDU) oder „schwieriger Situation“ (Rolf Bolwin vom Deutschen Bühnenverein). Doch die, die es wirklich angeht, die Leiter der hauptstädtischen Musiktheater, bleiben stumm. Ducken sich weg, so wie sie sich in der kurzen Amtszeit Schindhelms immer weggeduckt haben. Gab es eigentlich irgendwann mal eine Pressekonferenz, auf der sich die Musikchefs und Intendanten der Deutschen Oper, der Staatsoper und der Komischen Oper Seite an Seite mit Michael Schindhelm gezeigt haben, einen Termin, wo alle, die unter dem Stiftungsdach zusammengezwungen wurden, vereint aufgetreten sind?

Wo sind Andreas Homoki, Peter Mussbach und Kirsten Harms in der schweren Stunde ihres Stiftungsdirektors? Wo sind Kirill Petrenko, Daniel Barenboim und Renato Palumbo? Wo ist die Leidenschaft, mit der die Berliner Opernmacher ums Überleben der drei Häuser kämpfen?

Dass sich Michael Schindhelm als Glaskinn erweist, der umkippt, nur weil Klaus Wowereit einmal laut hustet, ist traurig. Dass sich keine helfende Hand aus der Kulturszene rührt, die ihn wieder aufrichtet, ihm Luft zufächelt, Mut macht, um ihn dann zur zweiten Runde gegen den Regierenden Kultursenator zurück in den Boxring zu schicken, ist ein Armutszeugnis. Und doch, leider, symptomatisch für die Art, wie in dieser Stadt derzeit Musiktheater gemacht wird: nämlich völlig emotionslos. Jeden Morgen treten die Ingenieure im Kraftwerk der Gefühle ihren Dienst an, abends machen sie wieder das Licht aus. Der Laden läuft noch.

Daniel Barenboim kommt, dirigiert, ist wieder weg. Früher hat er seine Berlinaufenthalte genutzt, um für die Staatsoper zu streiten. Heute lässt er sich lieber für sein Engagement im Nahostkonflikt feiern, für sein Herzensprojekt, das West-Eastern Divan Orchestra.

Renato Palumbo kommt, dirigiert „Germania“ an der Deutschen Oper, allerdings nur sechs von zehn Aufführungen, und ist wieder weg. Maestro Palumbo spricht noch kein Deutsch – aber, scusi, con passione vorgetragene Worte zur Zukunft der Oper in Berlin würden wir auch auf Italienisch verstehen!

Kirill Petrenko arbeitet wirklich hart an seiner Komischen Oper, ihm ist der enorme Kassenerfolg des „Rosenkavalier“ zu verdanken, der die Platzauslastung im ersten Halbjahr 2006 auf immerhin 66,1 Prozent gehoben hat. Aber Petrenko ist bald weg, im kommenden Sommer endet sein Vertrag, nach ihm mag dann die Sintflut kommen oder wer auch immer – ein Nachfolger jedenfalls ist nicht in Sicht.

Und die Intendanten? Sie haben schon im „Idomeneo“-Fall demonstriert, wie man feige wegschaut, wenn es einem des Trios an den Kragen geht. Solange jemand anderes geprügelt wird, fallen die Skandale im eigenen Haus nicht auf. Zum Beispiel, dass an der Staatsoper eine ganze Aufführungsserie der „Lustigen Witwe“ abgesetzt werden musste, sieben Abende, darunter die äußerst lukrative Doppelvorstellung zu Silvester. Die zynische Klamaukshow, die Hausherr Peter Mussbach aus dem Lehar-Dauerbrenner gemacht hat, wollte partout keiner sehen.

Wenn es um Zukunftskonzepte geht, vertrauen die Opernintendanten gerne auf das Knowhow ihrer Geschäftsführer. Die sollen rationalisieren und Sponsorengelder ranschaffen, wenn es mit dem künstlerischen Programm nicht gelingt, die Steigerung der Eigeneinnahmen zu bewerkstelligen. Geradezu grotesk dilettantisch mutete die Imagekampagne der Deutschen Oper an, die zu Saisonbeginn die ganze Stadt mit Plakaten bepflasterte, auf denen in gigantischen Lettern „Zukunft“ und „große Oper“ versprochen wurde. Den Namen des Absenders konnte der interessierte Betrachter mit Mühe im Kleingedruckten entdecken. Doch weiterführende Infos, eine Internetadresse, eine Telefonnummer? Fehlanzeige. Ein Fall für den Bundesrechnungshof.

Warum wurstelt in der Berliner Opernszene jeder intern vor sich hin und schweigt nach außen? Selbst die Künstlergewerkschaften verhalten sich still. Was ist aus der einst so kampfeslustigen Orchestervereinigung geworden? Ist die Angst so groß? Oder glaubt einfach keiner mehr an Rettung, weder im Fall der Berliner Musiktheatertrias noch im Fall der hartnäckig totgesagten Gattung Oper? Hoffentlich erreiche ich noch die Grenze für die Frühpensionierung, bevor die hier den Laden dicht machen?

Wenn die Künstler weiterhin darauf vertrauen, dass es bei dem einen oder anderen Bauernopfer bleiben wird, wenn sie sich nicht endlich bereitfinden, die ungeliebte Stiftung zu akzeptieren, die Idee eines solidarischen Miteinanders zu leben, muss die Politik die Konstruktion der Opernstiftung eben zerschlagen. Mit allen Konsequenzen.

Wie man leidenschaftlich für seine Interessen kämpft, könnten die Berliner Opernintendanten dabei ganz leicht lernen – von ihrem eigenen Publikum. Nicht nur bei Premieren bricht Unter den Linden, in der Bismarck- und der Behrenstraße regelmäßig ein Bürgerkrieg aus: Da wird dazwischengebrüllt, da beschimpfen sich die Konservativen und die Progressiven über Balkonbrüstungen hinweg wie Hooligans im Fußballstadion. Hässlich ist das, laut, vulgär, gemein, gegen alle Spielregeln. Aber es ist wenigstens Herzblut dabei.

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