Kultur : Die Auszeit ist die schönste Zeit

Jan Schulz-Ojala

Angelina Jolie gehört zu jenem Typ von Schauspielerinnen, bei denen manchen Männern sofort schwummrig vor Augen wird. Oder rettungslos kussmundig. Spätestens seit „Girl, Interrupted“ („Durchgeknallt“, 1999), jenem Wahnsinnsfilm über eine Wahnsinnsfrau in einem Wahnsinnskontext, sind sie restlos betört von Jolies anarchischer Schlampigkeit – und bereit, mit diesem Gesicht plus markanter Gesamterscheinung bis ans Ende aller Leinwände dieser Welt zu gehen. Solche Schicksalsreisen führen immer wieder durch das tiefe Tal von Schaurigfilmen, die mal „Tomb Raider“, mal gar „Der Knochenjäger“ heißen, aber was soll’s, sagen die Fans, solange Jolie so unwiderstehlich „jolie“ (frz.: hübsch) bleibt?

Die neueste cineastische Niederung heißt Leben oder so ähnlich (Regie: Stephen Herek), und um Leben oder so ähnlich geht es, ich sag’ mal, eigentlich irgendwie ein Stück weit schon. Jolie ist die verblüffend wasserstoffblonde, geradezu einschüchternd selbstbewusste junge Lokalfernsehreporterin Lanie aus Seattle, die ganz groß rauswill aus Seattle und rauskommen als Super-Anchorfrau mindestens in New York. Drei Männer kreuzen ihren Schicksalsweg: Da ist Freund Cal (Christian Kane), ein hirnloser Football-Muskelprotz, der Jolie nun wirklich nicht verdient, da ist ihr lässiger Kameramann Pete (Edward Burns), dem einige Chancen zugestanden sein mögen, zumal er sich wochenendweise sensibel als alleinerziehender Papa empfiehlt, und da ist Jack (Tony Shalhoub). Dieser mysteriöse, stadtbekannte Wahrsager mit beunruhigend hoher Trefferquote wagt es doch tatsächlich, der supervitalen Jolie den Tod binnen Wochenfrist vorauszusagen! Ja, den Tod; oder so ähnlich.

Muss angesichts solcher Aussichten auch eine Jolie ihre Stirn nicht in Falten legen dürfen? Tut sie – und serviert erstens den faden Cal ab und steht zweitens, bevor drittens ein Seelenfrieden durch einen anderen ersetzt wird, ein paar existenzbedrohungsbedingte Turbulenzen durch. Selbige geben ihr endlich Gelegenheit, jenseits arg fönfester Auftritte gewissermaßen in Räuberinnenzivil aufzutreten: in derangierter Frisur zum Beispiel, verschlafen am frühen Nachmittag im Türrahmen eines fremden Apartments lehnend, Zukunft Zukunft sein lassend und die Vergangenheit sowieso.

Es gibt nicht viele solcher Szenen in diesem Film. Eine wie Lanie fängt sich, bietet dem Tod ebenso Paroli wie dem Leben, auch wenn sie sich am Ende ab- und auffängt, zu irgendwas muss der Predigerton im Presseheft – „Welche Dinge zählen wirklich im Leben?“ – schließlich gut sein. Aber es gibt sie, diese kurzen Szenen, in denen Lanie frei ist von Cal und frei für Pete oder auch nicht Pete und vor allem frei für sich selbst. Echte Jolie-Fans sind in solchen Augenblicken glücklich oder so ähnlich. (Foto: 20th Century Fox).

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