Kultur : Die Autorität der Freiheit

Vor dem Ökumenischen Kirchentag in Berlin: Haben postmoderne Sinnsucher in der Institution eine Chance?

Thomas Lackmann

Nadja ist Buddhistin, manchmal zeigt sie, nabelfrei, überm Gürtel geheimnisvolle Tattoos. Den Buddhismus hat ihr niemand in die Wiege gelegt, sie stammt aus einer kommunistischen Familie. Vor zehn Jahren wurde bei ihr im litauischen Kaunas der Religionsunterricht zugelassen. Der Vater, sagt sie, lebt heute ohne Sinnsystem. Die Mutter findet Halt in russisch-orthodoxer Tradition. Sie selbst kann mit den Riten christlicher Gruppen, bei denen sie sich zunächst umgesehen hatte, nichts anfangen. Vor allem stört sie das Bild eines Vatergottes, der entscheidet, was gut oder böse ist. Ich wollte einen Gott, der ein Freund ist, sagt Nadja. Als sie vor drei Jahren eine buddhistische Gruppe kennen lernte, war sie angetan von der beständigen Fröhlichkeit dieser Gläubigen. In Buddha findet sie den Freund für ihren inneren Weg, in der Meditation die gesuchte Freiheit. Auch in Berlin, wo Nadja nun studiert, trifft sie sich mit einem Buddhisten-Kreis. Auf die fremde Stadt ist sie neugierig, manchmal besichtigt sie alte Kirchen, aber: Die Verherrlichung des Leidens im Christentum gefällt mir nicht, sagt Nadja. Wer leidet, hat etwas falsch gemacht.

Solche Sinnsuche liegt im soziologisch gefühlten Dauertrend: Dass ein postmoderner Drang nach Spiritualität jenseits der Institutionen im Kommen sei, verkünden uns demoskopische Auguren seit der ideologischen Götterdämmerung Anfang der 90er Jahre. Eine Massenbewegung? 265 Besucher haben in den letzten Wochen an zehn Berliner Veranstaltungen des Museumspädagogischen Dienstes (MD) unter dem Titel „Fremde Riten“ teilgenommen: 26 Personen kamen im Schnitt pro Termin, um den Sabbat in einer Charlottenburger Synagoge, den orthodoxen Palmsonntag in einer Wilmersdorfer Kirche zu feiern, um im Buddhistischen Haus von Frohnau zu meditieren, im Kreuzberger Hindu-Tempel der Puja-Feier, im Neuköllner Sufi-Zentrum der tänzerischen Hadra-Zeremonie beizuwohnen. Nicht mehr als 26 – in einer Millionenstadt?

Das ist angesichts „der intensiven Auseinandersetzung, die wir geführt haben, schon eine sehr hohe Besucherzahl,“ sagt Projektleiter Michael Drechsler. Die Gäste im Alter von 18 bis 80 hätten erlebt, „wie stark und echt“ diese Rituale von den Gläubigen empfunden werden: als Teil einer kollektiven Geschichte, die praktizierend tradiert werde und selbst Beobachter tief berühre. „Das hat etwas, das einen reinzieht.“ Am Anfang stand für die MD-Organisatoren die Frage nach der Bedeutung von Ritualen in der Kunst. Während des Ökumenischen Kirchentags in der kommenden Woche wird nun zu weiteren Kultstätten eingeladen: So kann jeder der zahlreichen Sinnsucher des christlichen Massentreffens sein individuelles Spiritualitätskonzept zusammenstellen.

Mysterium contra Marketing

Dass sich von den 150000 erwarteten Kirchentagsgästen die meisten irgendwie für Sinnfragen interessieren, ist wahrscheinlich. Dass ebenso viele sich mit der katholischen/evangelischen Kirche identifizieren, darf bezweifelt werden. Der Befund ist seit Jahrzehnten vertraut: Mit dem Bedeutungsverlust religiöser Wertevorgaben schwinden landauf landab Bindungen an die Institution. Vor einem Monat erst hat eine vom ZDF, dem „Stern“, T-Online und der Unternehmensberatung McKinsey durchgeführte Internet-Umfrage unter 350000 Deutschen die institutionelle Vertrauenskrise der Kirchenmitglieder, besonders katholischer, dokumentiert. Den katholischen Episkopat trifft das „dramatische Urteil“ (Kardinal Lehmann) von angeblich zwei Dritteln der Bevölkerung, welche sich nicht mal mehr für Reformen der Kirche interessieren, just in einem Frühling päpstlicher Popularität: Gerade hatte Johannes Paul II. als Friedensprediger Sympathie-Punkte gesammelt. Doch offenbar reicht die Befriedigung des säkularen Individuums darüber, dass der greise Chef einer Milliarden-Gemeinde mit seiner ganzen Autorität populäre Pazifisten-Positionen proklamiert, für die Alltags-Akzeptanz seines Machtapparates nicht aus.

Windschnittiger als die Konkurrenz präsentiert sich Deutschlands Evangelische Kirche (EKD), ihre Benotung fiel bei der McKinsey-Umfrage gnädiger aus. Selbstkritische Protestanten begreifen allerdings, dass die oft ziemlich zeitgeistkonforme EKD Gefahr läuft, sich als affirmatives Spiegelbild der Gesellschaft überflüssig zu machen. Ihre Institution bereitet weniger Ärgernis, gleichwohl ist die säkulare Erosion unter evangelischen „Taufscheinchristen“ weiter vorangeschritten. Im missionarischen Gegenzug sollen städtische „Ladenkirchen“ – ein solcher Raum, genannt „Kirche direkt“, entsteht derzeit an der Berliner Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche – entfremdete Laufkundschaft erreichen. Auch hat man vor einem Jahr mit einer cleveren Plakataktion und besinnlichen Fragen („Woran denken Sie bei Ostern?“ „Ist der Mensch nur so viel wert, wie er verdient?“ „Was ist Glück?“ „Sind Fußballer unsere wahren Götter?“) probiert, öffentliche Präsenz und individuellen Rücklauf via Hotline und E-Mail zu erreichen. Auf den Plakaten standen subtile multiple-choice-Antworten. Die Werbeleute reagierten begeistert, die Gemeinden zwiespältig, der Rücklauf hielt sich in Grenzen. An der Frage, ob die Kirche lieber klare Antworten vorgeben oder doch aus Marketing-Kalkül, nur einfühlsame Fragen stellen soll, scheiden sich die Geister.

Kirche von unten? Oder von oben herab? Der Konflikt darum, wie hierarchisch oder demokratisch die Christenheit sich artikulieren soll, ist – Amt contra Charisma – so alt wie die Kirchengeschichte. Die Erste Generalversammlung des Katholischen Vereins Deutschlands tagte 1848 in Mainz parallel zur Nationalversammlung in der Paulskirche. Am Beginn der Evangelischen Kirchentage 1949 wiederum stand der Wunsch protestantischer Laien, nach dem „Dritten Reich“, unabhängig von der Amtskirche, ihre Verantwortung für die Welt gläubig zu formulieren. Kirchentage reflektieren den Zustand ihrer Gesellschaft: Wo die auf Zahlen, Superlative und bunte Fotos fixierten Massenmedien eine solche Basis-Situation darstellen, verlassen sie ungern die Berichterstattungs-Trampelpfade der Friede-Freude-Abendmahl-Impression: singende Menschenmengen, debattierende Promis, Bilder von euphorischer Beliebigkeit. „Markt der Möglichkeiten“ heißt das grenzenlos pluralistische Angebotsforum Evangelischer Kirchentage.

Falls freilich der Kern des Phänomens Kirche, das Einzigartige, was diese ihrer Gesellschaft zu bieten hätte, nicht in soften Weltentspannungsprogrammen besteht, sondern – wie über Jahrhunderte geglaubt wurde – in einem so genannten Mysterium, dann ist das Unvermögen der Kirchenführer, sich ihrer Außenwelt mit dogmatischer Abstraktion oder modischen Chiffren zu erklären, ebenso verständlich wie die analytische Impotenz der Medien und der Demoskopen. Denn das Mysterium verweigert sich den Instrumenten der Wahrnehmung. Es behauptet die andere Wirklichkeit und Wertigkeit: Es zeigt Grenzen, fordert Unterscheidung, Prioritäten. Es impliziert seine eigene Autorität. Solche Autorität hat sich in der Kirchengeschichte allerdings nie nur hierarchisch manifestiert, sondern ebenso in der Kraft persönlicher mystischer Erfahrung, in individuellen Geistesgaben, die Charismen genannt werden, in der Qualität charismatischer Gemeinschaft.

Autorität von unten gegen Autorität von oben: Aus dem Amt-contra-Charisma-Konflikt entsteht das Verlangen nach einer „Geistkirche“ ohne verbindliche Struktur. Mystische Unmittelbarkeit ohne Kontrolle durch Tradition! Jesus ja, Kirche nein! Und doch empfängt der ganz normale Mystiker sein Inspirationsmaterial nicht nur vom Himmel hoch, sondern gleichermaßen aus der eigenen Kollektiv-Geschichte.

Am eindrucksvollsten und fruchtbarsten zeigt sich der Amt-contra-Charisma-Konflikt, durch den institutionsfrustrierte Sinnsucher häufig abgeschreckt werden, in der Ordensgeschichte der Katholischen Kirche. Dieser 2000jährigen Organisation ist es gelungen, viele ihrer Reformer nicht nur zu verketzern, sondern sie oft – nach Jahrzehnten menschenverachtender Prüfungen – zu integrieren und zuletzt gar für die Lösung anstehender epochaler Probleme zu autorisieren.

Als während der Völkerwanderung die antike Welt ins Wanken gerät, erfindet Benedikt von Nursia, gegen den Zeitgeist, mit seinen Prinzipien stabilitas loci und ora et labora das Kloster-Konzept des Abendlandes. Als Benedikts Benediktiner der reichste Orden des Mittelalters geworden sind, entstehen aus ihrer Mitte die asketischen Zisterzienser, um mit ihrem Reformimpuls dem Verfall der Kirche und des Mönchtums zu begegnen. Sechs Jahrhunderte später gründet ein Zisterzienser, der sein Ideal nicht mehr erkennt, den noch radikaleren benediktinischen Ableger der schweigenden Trappisten. Im 19. Jahrhundert wird der Lebemann Charles de Foucauld, zum Christenglauben bekehrt durch das Erleben muslimischer Frömmigkeit, Trappist; mit Erlaubnis seiner Oberen verlässt er das Kloster und wird als Einsiedler bei den Tuareg 1916 in der algerischen Sahara ermordet. Jahrzehnte später erst entstehen, nach seinem Beispiel, Männer- und Frauen-Kommunen in 43 Ländern: Minikonvente, deren Mitglieder es als klösterliches Programm der Moderne verstehen, ohne Ambitionen auf Karriere oder Missionierung unter den underdogs des Erdballs zu leben.

Karteileichen oder Kadertruppe

Radikale Nachfolge Christi wollten die Reformatoren zur Zeit der Kirchenspaltung nicht nur durch Ordensleute, sondern möglichst von allen Gläubigen verwirklicht sehen. Davon sind heute beide schwindsüchtige Volkskirchen weit entfernt. Mit der Mehrheit ihrer Karteileichen stehen sie vor der Entscheidung, entweder auf eine Gesundschrumpfungs-Zukunft als Entscheidungskirche, Kadertruppe und „Salz der Erde“ zu setzen – oder, wie alle zeternden Lobbys, auf Besitzstandwahrung: zur Verteidigung ihre Sozialwerke, ihrer Öffentlich-Rechtlichkeit und ihres Steuersystems. Das Konzept „Minderheitenkirche“ übrigens bringt nach dem römischen Kardinal Ratzinger (in seinen Äußerungen zur Abtreibungsdebatte) mittlerweile selbst der deutsche Kardinal Lehmann offensiv ins Spiel. Auch an der Basis äußerten sich bei der jüngsten McKinsey-Befragung die Gläubigen aus Diaspora-Gegenden zufriedener mit ihrer Institution als jene aus solchen Regionen, in denen Besitz, Bürokratie und Einfluss der Kirche noch dominant erscheinen.

Als sich die Katholische Kirche vor 40 Jahren mit dem II. Vatikanischen Konzil der neuen Zeit öffnen wollte, rühmte der evangelische Theologe Johann Christoph Hampe jene „Autorität der Freiheit“, die „die Welt zu verwandeln vermag“. Heute wäre die Verwandlung der Kirche selbst in einen Ort, an dem Erfahrung und Offenbarung, Glück und Verbindlichkeit, Struktur und Gemeinschaft, Tradition und Erlebnis, Gehorsam und Solidarität, Freundschaft und Vaterschaft versöhnte Widersprüche sind, für manchen postmodernen Sinnsucher die göttlichste Überraschung. Das Mysterium der Verwandlung betrifft und provoziert dabei ebenso den Einzelnen persönlich, mitsamt seiner mitunter narzisstischen Esoterik; vielleicht auch eine Gruppe von 26 Personen. Oder gar – wo Qualität in Quantität umschlägt – die ganze Welt.

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