Kultur : Die Bahre der Sonne

Vor der Kältekatastrophe: Danny Boyles „Sunshine“

Sebastian Handke

Es ist das Jahr 2057. Die Sonne erlischt, und die Menschheit geht dem Kältetod entgegen. Letzte Hoffnung lastet auf der „Icarus II“, einem riesigen Raumschiff, unterwegs zur Sonne mit einer nuklearen Ladung, deren Explosion den Stern neu entfachen soll. Auf dem Weg dorthin fängt die achtköpfige Crew ein Funksignal auf: Es ist der Hilferuf des Schwesterschiffs „Icarus I“, das sieben Jahre zuvor auf dasselbe Ziel zusteuerte und unter mysteriösen Umständen verschwand. Die Mannschaft um Physiker Capa (Cillian Murphy), Kapitän Kaneda (Hiroyuki Sanada), Biologin Corazon (Michelle Yeoh) und Pilotin Cassie (Rose Byrne) beschließt, einen Abstecher zum Wrack zu wagen – zwei Sprengladungen sind besser als eine. Eine schlechte Entscheidung, wie sich bald herausstellt.

Dem Zombie-Genre hatte Danny Boyle in „28 Days Later“ (2002) manch neuen Impuls gegeben. Der Welt der Science Fiction fügt „Sunshine“ leider nichts hinzu. Boyle schließt nur an die kühlen, skeptischen und meditativen Klassiker an – Kubricks „2001“, Ridley Scotts „Alien“ oder Tarkowskis „Solaris“. Er dringt dabei zwar nicht annähernd so weit vor, einige angerissene Konflikte um Verantwortung, Wissenschaft und Religion geben dem Film dennoch einen gewissen Reiz. Alex Garlands Drehbuch sorgt insgesamt für Figuren jenseits des genreüblichen Flachgangs; dass allerdings ein gerade mal 30-jähriger Physiker die Verantwortung für einen Nuklearsprengsatz von der Masse Manhattans trägt, wirkt eher lächerlich.

Das eigentliche Problem aber ist ein anderes. Wie schon in „The Beach“ und „28 Days Later“, für die ebenfalls Garland die Drehbücher schrieb, fehlt es an einem guten Schluss für die ansprechende Idee. Ob er in endlose Leere gerät oder sich auf einen gleißenden Fixpunkt extrem hoher Dichte zubewegt – nirgends trifft der Mensch so massiv auf das Erhabene wie im Weltraum. In „2001“ findet er am Ende Gott; am Schluss von „Sunshine“ aber, als das Raumschiff fast im Herzen des Lichts angelangt ist, wirft Boyle ein albernes, genrefremdes Element in seinen bis dahin so konsequenten Film – und flüchtet sich in eine dumme Hatz, die ihn total aus der Spur trägt. Vielleicht hielten Boyle und Garland das für eine kreative Idee. Vielleicht wurde es ihnen von Produzenten aufgeschwatzt, die sich um die Geduld des Publikums sorgen. Vielleicht hat Stanley Kubrick einfach die besseren Drogen genommen.

Bei einem talentierten Filmemacher wie Boyle ist zwar auch das Konventionelle immer noch interessanter und vor allem optisch aufregender als bei vielen seiner Kollegen. Schade nur, dass das Spiel aus Licht und Schatten, aus Strahlen, Spiegelungen und Reflexionen, das seine Techniker und vor allem Kameramann Alwin Küchler für ihn schufen, schlicht verpufft.

In 17 Berliner Kinos, Originalfassung im Cinestar SonyCenter

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