Kultur : Die Ballade der traurigen Clowns

JEAN COHN-MASSON

Diesmal gibt es keine Bowlerhüte, und Pozzo ist kein böser Kapitalist.Gilles Aillauds Bühne für Becketts "Warten auf Godot" im Théâtre Vidy von Lausanne ist keine abstrakte Metapher für die existentielle "Geworfenheit" des Menschen: sondern eine konkrete Landschaft mit einer Straße zwischen Felsen - Gras wächst hier durch den Stein ans Licht.Es fehlt so manches gängige Klischee in Luc Bondys Inszenierung, dafür vernimmt man nie gehörte Sätze.Aber es ist alles Beckett pur, die große Regie-Tat realisiert sich immer noch nahe am Text.

Auch die Stücke Samuel Becketts waren der Stadttheater-Routine ausgeliefert; es galt als ausgemacht, daß man sie als Komödien zu spielen hätte.Beckett selber war daran nicht ganz unschuldig, äußerte er doch einmal, in den 60er Jahren, im Berliner Schiller-Theater des nun gerade verstorbenen Boleslaw Barlog als sein eigener Regisseur, man müsse das Ganze nun irgendwie komisch hinkriegen.Des Autors Provokation ging natürlich gegen den deutschen Hang zu Tragik und Tiefsinn, verabsolutierte sich dann aber zur Slapstick-Pflicht.

Bondy nun befreit die Schauspieler vom Fluch, komisch sein zu müssen.Er fordert sie erst einmal auf, zu "sein" ("être là").Estragon (Roger Jendly) kämpft den Kampf mit seinen Riesenwanderstiefeln, die ihm immer noch zu klein sind und die Füße rotblau anlaufen lassen.Wladimir (Serge Merlin), sein rührend besorgter Freund, ganz in Schwarz, trägt zu Dufflecoat und Lederhose sehr enge spitze Stiefeletten und stakst damit über die stillgelegte Landstraße - ein Asphaltpriester mit dem Kopf in den Wolken, also nahe bei Gott.In den Clownsparaphrasen von Becketts Stück wirken die "Erlöser"-Geschichten oft nur wie zynische Bonmots am Rande - hier aber will einer wirklich wissen, was es auf sich hat mit dieser Hoffnungs-Episode in Golgatha.

Wie Serge Merlin das spielt, ist Beckett, der Atheist und Avantgardist, plötzlich sehr nahe bei den Klagen des Hiob.Eugène Ionesco hatte auf diese Geistesnachbarschaft früher schon einmal hingewiesen.Bondy zeigt Beckett auch tragisch, weil die beiden Landstreicher Didi und Estragon als Menschen auftreten mit ihren Bedürfnissen und Sehnsüchten, und sei es nur dem Wunsch, sich gleichzeitig umzubringen.Das leider geht nicht am Baum und am Kreuz, da muß man hintereinander sterben, weil sie nur einen Strick haben, aber vom Eiffelturm könnte man Hand in Hand herunterspringen.Das wäre die würdige Besiegelung einer zärtlichen Männerfreundschaft.Diese Art von Tragik kommt nicht auf dem Kothurn daher, sondern - fußkrank eben.

Beckett konnte (ähnlich wie Robert Walser) mit großer Lässigkeit sich in "nichts" verflüchtigen.Freunde waren für ihn wie "sanfte, vokale Kammermusik", und wenn er nicht Autor geworden wäre, hätte er gerne nur "Musik gehört".Bondy hört die Texte Becketts mit dem Ohr des Musikers.Er setzt treffsicher auch Pausen, und man erinnert sich, daß in Becketts Universum das Leben nur die Pause ist zwischen Geburt und Tod.Nichts passiert, nichts scheint stattzufinden, und doch vibriert alles und hallt wider vom rauschenden Leben, das irgendwo anders tobt, oder vielleicht auch nicht.

Der Auftritt von Pozzo (François Chattot) und Lucky (Gérard Desarthe) ist in dieser Aufführung nicht der Einbruch einer anderen Welt, sondern nur eine weitere Spiegelung der Freundschaft Didi / Gogo, wenn auch in anderer Optik.Pozzo, der ominöse Herr und Herrscher über Lucky, erscheint gleichfalls als Vagabund, der sich den Rotwein über die weiße Hemdenbrust kleckert, er hat sich bloß bei einem anderen Trödler eingekleidet.Er ist Täter und Opfer, er verkörpert ein Stück Menschheitsgeschichte, hat ein riesiges Doppelkinn und in der Trainingshose ein monströses Geschlecht versteckt.Pozzo ist ein tönender Theatermann, er lagert sich auf den Kreidefelsen wie auf ein Kanapee der Opernbühne.Bondy versäumt dabei nicht, auf die Symmetrie der Figuren zu verweisen: Plötzlich, unversehens, hat Pozzo nicht nur Lucky an der Leine, sondern auch Gogo, das Theater führt die geschundene Kreatur vor, ohne sich daran zu weiden.

Zum Schlußbild legen sich Didi und Gogo gekrümmt aufeinander.Im verlöschenden Licht des vergehenden, vergangenen Jahrhunderts sehen sie aus wie Menhire.Morgen treffen wir uns wieder, dann bringen wir uns endlich um.Oder wir gehen ins Theater.

Bis 2.April im Théâtre Vidy in Lausanne, ab 8.April für sieben Tage in der Hetzerhalle in Weimar.

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