Kultur : Die Ballade von Kosher King

„Töchter, Talmud, Tore“: Heute wird das 12. Jüdische Filmfestival in Berlin mit einem Galakonzert eröffnet

Kerstin Decker

Zwei Falafelbuden in der Wüste. Sie sind sich so feind, wie es zwei Falafelbuden in der Wüste nur sein können. Die eine heißt „Kosher King – das auserwählte Restaurant“, die andere „Hummus Hut“. Außer Sand und den beiden Buden gibt es auch Kamele und Soldaten, denn das hier ist eine schwierige Gegend, was man schon am Kebab-Angebot von „Hummus Hut“ erkennt. Der Kebab trägt den Namen „The Settlements Must be Destroyed“ („Die Siedlungen müssen zerstört werden“). Auch der Hass ist manchmal ein täglich Brot – nicht nur bei „Romeo und Julia“ oder in der „West Side Story“.

Dies hier ist die „West Bank Story“: klingt fast genauso, ist auch genauso schön und nur unwesentlich kürzer – genau 21 Minuten lang. Natürlich sieht das „auserwählte Restaurant“ irgendwann keinen anderen Weg mehr, als eine Mauer um „Hummus Hut“ zu bauen, was bei „Hummus Hut“ zu Stockungen in der Falafel-Produktion führt, weil nun zwischendurch auch noch Molotowcocktails produziert werden müssen. Die ganze Geschichte des Nahostkonflikts in 21 Minuten! Der junge jüdische Amerikaner Ari Sandel hat mit seinem Wüstenmusical ein wunderbar absurdes Kleinod geschaffen und steht mit seinem Witz, seiner Poesie und dem tiefen Ernst darunter für die Atmosphäre des gesamten Jüdischen Film Festivals mit 19 Beiträgen, darunter zehn Deutschlandpremieren.

Das 12. Jewish Filmfestival in Berlin steht unter dem Motto „Töchter, Talmud, Tore“. Um die Töchter geht es gleich zu Beginn: in Lorraine Lévys Eröffnungsfilm „The First Time I Was Twenty“ („Als ich das erste Mal zwanzig war“). Sechziger Jahre, irgendwo bei Paris. Die junge Hannah Goldmann sieht ungefähr so aus wie ihr Lieblingsinstrument, der Kontrabass. Dieselbe Figur! Darum – Anfangsszene – bleibt sie eines Tages einfach auf ihrem Bett liegen: „Ich bin hässlich!“ Zu hässlich, um aufzustehen. Hannahs Mutter tröstet ihre Tochter mit ihren schönen Augen (Hannah: „Hinter deeen Gläsern?“), mit der Farbe ihres Haars (Hannah: „Ja, ja, du hast Recht, es gibt keinen Namen dafür!“). Und so geht das weiter. Wahrscheinlich hat sie ganz verführerische Lungen und „fantastische Eierstöcke“.

Hannah (großartig: Marilou Berry) ist nicht nur unglücklich und kontrabassförmig, sie ist auch sehr klug und im übrigen dafür, Schönheit als ein Menschenrecht einzuklagen. Oder sie wird mit ihrem Kontrabass endlich in die Jazzband ihrer Schule aufgenommen, in der noch nie ein Mädchen war. Lévys Film ist eine witzige, sentimental-unsentimentale Geschichte übers Erwachsenwerden, voller leiser bis schriller Unter- und Obertöne. Die allgemeinste Geschichte der Welt also und doch sehr jüdisch, nicht nur, wenn Hannahs Mutter den Topf mit den Fleischklößen vor Hannah verschließt: „In Auschwitz gab es keine Dicken!“ Worauf Hannah ihren Teller randvoll füllt.

„First Time I Was Twenty“ ist zugleich die Geschichte von Hannahs Familie und bei weitem nicht der einzige Familienfilm auf diesem Festival. Jüdische Familien sind nur selten so heil wie die Hannah Goldmanns. Weshalb gerade ältere Amerikaner oft im fernen Osteuropa nach ihren Wurzeln suchen – nach den Schtetln ihrer Kindheit, nach den Spuren der Angehörigen. Ältere Amerikaner sind meist wohlhabend, im Gegensatz etwa zu den Bewohnern des ukrainischen Dorfes Golotwin. Natürlich wollen die Amis gar nicht nach Golotwin, sondern in das Schtetl in der Nähe, das es aber schon längst nicht mehr gibt.

Muss das eigentlich so bleiben?, fragt sich der junge Eduard, tauft Golotwin ein bisschen um und macht aus dessen Einwohnern akzeptable jüdische Verwandte. Besonders gefragt: alte Frauen, um die siebzig, leicht schwerhörig. „Roots“ von Pawel Lungin ist eine französisch-russische Koproduktion. Ein Film, der weiß, dass die Lüge manchmal nur ein Spezialfall des Humanums ist – erst recht in Richard Dembos leise-melancholischem Film „Nina’s House“ über ein jüdisches Waisenhaus bei Paris nach 1945. Zehn jüdische Kinder auf dem Weg ins Leben. Der Regisseur starb 2004 kurz vor der Fertigstellung des Films.

Nach fast jedem dieser Filme fragt man sich, wer könnte eigentlich friedensfähiger sein als ein Volk, das zu so viel Selbstdistanz und Selbstironie fähig ist, egal ob es gerade – die zwei Hauptsprachen des Festivals – russisch oder französisch spricht? Das sich noch spiegeln und wiedererkennen kann im anderen, im Feind. Denn „Kosher King“ ist natürlich kein bisschen besser als „Hummus Hut“. Und manchmal liebt man gar das Gleiche, etwa den italienischen Fußball. Das ist Cohens Glück, als er 1982 auf dem Weg zur Fußball-WM in Spanien von der PLO verschleppt wird – in „Cup Final“, passend zum dritten Festival-„T“ wie Tor!

18. bis 28. Mai im Kino Arsenal (Potsdamer Str. 2, Tel. 030/ 26 95 51 00); 29. bis 31. Mai im Filmmuseum Potsdam. Infos: www.jffb.de. Das Festival wird am heutigen Mittwoch mit einem Konzert des New Yorker Kantors Jacob Mendelson und der Kantorin Roslyn Barak (San Francisco) eröffnet: Berliner Ensemble, 20 Uhr. Karten nur übers BE, Tel. 030 / 28408-155

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