Kultur : Die Baracke will Gutshaus sein

GÜNTHER GRACK

Ein Schuß am Anfang, ein Schuß am Ende, dazwischen viele, viele Worte: Anton Pawlowitsch Tschechow hat seinem ersten Stück, mit dem er die russische Bühne eroberte, einen effektvollen Rahmen gegeben.Von einem Knalleffekt jedoch kann lediglich im Hinblick auf das Finale die Rede sein, wenn nämlich Nikolai Alexejewitsch Iwanow, der unheldische Held des Stücks, Ernst macht und den Revolver gegen sich selbst richtet.Der Schuß am Anfang dagegen bleibt aus, er ist nur ein schlechter Scherz, den sich Iwanows Gutsverwalter erlaubt: mit einem Gewehr aus dem Garten kommend, tritt er an den in ein Buch vertieften Iwanow heran und erschreckt ihn, indem er ihm mitten ins Gesicht zielt.Iwanow springt auf und fährt den schallend lachenden Mann an, was ihm einfalle, seine Laune sei schon schlecht genug ...

In der Baracke des Deutschen Theaters wird diese Eingangsszene gespielt und auch wieder nicht gespielt: sie bleibt ein stummes Vorspiel, das überdies nicht jeder Zuschauer zu sehen kriegt.Es ist dies die paradoxe Konsequenz der Tatsache, daß sich das kleine Studio für Valerij Bilchenkos Tschechow-Inszenierung so weit wie irgend möglich geöffnet, nämlich auch noch Foyer und Hinterhof miteinbezogen hat.Das Publikum, in drei langen Reihen mit dem Rücken zur Straßenfront sitzend, blickt auf eine Breitwandbühne, in die in der Mitte ein Auslauf eingelassen ist: Platz für die Küche in Iwanows Gutshaus sowie, in der Tiefe dahinter, für einen Garten.Was sich dort draußen, hinter Glas, tut, ist kaum zu erkennen und zu hören schon gar nicht.Ihren Anspruch, im Wechselspiel von künstlichem und realem Raum die Weite der russischen Provinz anschaulich zu vermitteln, kann die Aufführung also nur unzureichend einlösen.Was kein Schade sein muß, hat doch Tschechow selbst den Begriff "realistisch" in Frage gestellt und dem Regisseur Stanislawsky, einem Großmeister der kleinteiligen Milieumalerei, zu bedenken gegeben: "Aber die Bühne ist doch Kunst!"

Valerij Bilchenko aus der Ukraine, ein Regisseur, der mit Tschechow gern auf eigene Weise umgeht, hat in Kiew den "Kirschgarten" in eine Drei-Zimmer-Wohnung verpflanzt und dafür sogar einen Preis gewonnen.Lorbeeren, die er für seinen Berliner Tschechow nicht ernten wird.Die Aufführung hat schauspielerisch gewisse Qualitäten, ist in der Ausstattung jedoch nicht triftig - und sei es auch aus einem Mangel an Mitteln, den der Sparzwang gebietet.Es gälte, zwei Häuser angemessen einzurichten: das des armen Iwanow und das der reichen Familie Lebedew, bei der er hoch verschuldet ist.Stephan Fernaus Bühnenbild aber wirft beide Milieus in einen Einheitstopf: links ein Schreibtisch, rechts ein langer Tisch, als Requisiten ein Samowar, ein Globus, ein Trichtergrammophon - alles recht abgenutzt wirkend, wie es zu Iwanow paßt, nicht aber zu seinen Gläubigern.Dabei wäre es wichtig, den Kontrast augenfällig herauszuarbeiten; wird doch Iwanow von der Nachbarschaft verdächtigt, seine todkranke Frau nur deshalb zu vernachlässigen und die Gesellschaft der jungen Sascha Lebedew nur darum zu suchen, weil er hoffe, in deren Familie einzuheiraten und sich damit ein für allemal zu sanieren.Eine Rechnung allerdings ohne die Wirtin: Mama Lebedew, die in der Ehe mit einem gutmütigen Schwächling (Erhard Marggraf) die Hosen anhat, ist so geizig, daß ein Gast, der sein Glas Tee nicht austrinkt, sie in Schluchzen ausbrechen läßt ob des darin vergeudeten Zuckers.

Eine Gefühlsaufwallung, die der Autor freilich seiner Figur nicht zumutet: es ist Bilchenko, der seine Schauspielerin Ursula Staack in diesen grotesken Exzeß treibt.Überhaupt frönt der Regisseur einer fragwürdigen Vorliebe zur Karikatur; auch die so steinreiche wie lebenslustige Witwe Babakina, die nur zu gern Iwanows alten Onkel, den bettelarmen Grafen Schabelski (Dieter Mann), heiraten würde, um sich Gräfin nennen zu können, geriert sich in der aufgetakelten Gestalt Jule Böwes so schrill, daß man sich die Ohren zuhalten möchte.Dito Cem Sultan Ungan als Kartenspieler, der eine verlorene Partie beklagt: ein Schreihals! Mag sein, daß die Regie damit deutlichen machen will, wie unerträglich Iwanow, dieser Feingeist, sein Leben auf dem platten Land finden muß, sie macht es damit jedoch quälend überdeutlich - zum Nachteil derer, die es angeht.Und dies sind Ernst Stötzner in der Rolle des Nikolai Alexejewitsch Iwanow (der im Titel von Ganna-Maria Braungardts Übersetzung, unter Verzicht auf den Familiennamen, nur mit Vor- und Vatersnamen erscheint) und die beiden Frauen, zwischen denen er steht: Simone von Zglinicki als Gattin, Linda Olsansky als Freundin.

Versucht Stötzner, der Verbiesterung in die Frustration knochentrocken starren Ausdruck zu geben - auf die Dauer ein wenig monoton -, so gewinnen die beiden Rivalinnen die Anteilnahme des Zuschauers durch die Impulsivität ihrer Emotionen wie andererseits auch durch die Kraft, aus der Stille wirken zu können, aus dem schlichten Blick, mit dem sie den Geliebten fixieren.Die junge Linda Olsansky beeindruckt mit der selbstbewußten Dringlichkeit ihrer, gleich Iwanow, sich nach Freiheit sehnenden Sascha; Simone von Zglinicki fesselt durch die Hintergründigkeit ihrer Anna Petrowa, die, eine Jüdin, eigentlich Sarah heißt und sich, zugunsten ihrer Liebe, mit den Eltern überworfen hat."Judenweib!" brüllt Iwanow sie einmal an: für die Kranke ein Schock, ja ein Todesstoß.

Baracke des Deutschen Theaters, wieder am 12., 13., 22.und 23.12., 20 Uhr.

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