Kultur : Die barbarische Wahrheit

Peter von Becker

Alle reden sie im Festival- und Konferenzbetrieb seit dem 11. September oder jetzt bei der EU-Erweiterung: vom „Dialog der Kulturen“. Von der „Brücke“, die „die Kultur zwischen den Menschen schlägt“. Kultur aber ist keine globale Kuschelecke, kein universelles Harmonium oder Placebo. Kunst, auch die schwärzeste, hat zwar immer einen humanen Kern. Doch Kulturen – englisch: civilizations – offenbaren auch das Unmenschliche, Antizivilisatorische einer Gesellschaft. Der polnische Dichter Andrzej Stasiuk hat die EU-seligen Westeuropäer schon ironisch gewarnt: „Achtung, die Barbaren kommen!“ Das werde erst spannend. Und damit auch spannungsvoll. Denn natürlich gibt es auch den Kulturkampf und den Kampf der unterschiedlichen Kulturen. Gerade ihre Unterschiede machen ja den Reichtum Europas aus, das – ein zivilisatorischer Fortschritt – die militärische Konkurrenz durch die kulturelle ersetzt hat. Was aber ist mit militanten, aggressiven, imperialistischen Kulturen? Einige islamische Kulturen empfinden die freiheitliche (und bis zur barbarischen Schamlosigkeit und Pornografie freizügige) Kultur des Westens als Kampfansage. Als Bedrohung. Während wir mit den Mitteln des Worts und der Bilder die Kulturen der Unfreiheit, der Frauenentrechtung oder der nie abgebildeten und öffentlich diskutierten Folter bekämpfen. Bekämpfen müssten. Sei’s auch: gegen die Wand! Denn wer als Podienritter des Kulturbetriebs diesen Streit verschweigt und verschleimt, den wird der Zorn der Gerechten treffen. In allen Kulturen.

Am nächsten Dienstag: 40 Zeilen Lust

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