Kultur : Die Barrikaden der Idee

ANAT-KATHARINA KALMAN

Zur Tagung der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in BudapestVON ANAT-KATHARINA KALMANDie Frühjahrstagung der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, die in diesem Jahr in Budapest stattfand, stand ganz im Zeichen des ungarischen Buchfestivals, das derzeit die kulturelle Szene der Stadt beherrscht.Außerdem wies sie auf die Frankfurter Buchmesse 1999 hin, bei der Ungarn im Mittelpunkt stehen wird.Die Arbeit der Mitgliederversammlung selbst blieb etwas im Hintergrund.Die Literatur beherrschte den deutsch-ungarischen Dialog. Und das unter der etwas rätselhaften Losung "Warum bauen wir nicht die gleichen Barrikaden der Idee?" Ganz im Sinne des ungarischen Dichters Endre Ady, von dem die Frage stammt, waren denn auch die bekanntesten ungarischen und deutschen Schriftsteller der Gegenwart geladen.Unter anderem der Literaturhistoriker und Essayist László Földényi, die Autoren Martin Walser, Péter Nádas, George Tabori, Imre Kertész, Péter Esterházy und Istavn Eorsi, sowie der jetzige Schauspieldirektor der Salzburger Festspiele, Ivan Nagel.Neben der Bekanntgabe der neuen Akademie-Mitglieder, fanden zwei öffentliche Preisverleihungen im Sitzungssaal des Neuen Rathauses statt.Den Johann-Heinrich-Voß-Preis für Übersetzung erhielt in diesem Jahr der 1921 in Reinowitz (Nordböhmen) geborene Übersetzer für tschechische und slowakische Literatur, Gustav Just.Und der Friedrich-Gundolf-Preis für die Vermittlung deutscher Kultur im Ausland ging an die 1942 in Israel geborene Historikerin Shulamit Volkov aus Tel Aviv. Auch die Reform der deutschen Rechtschreibung war ein Thema der Tagung.Die Akademie bekräftigte dabei ihre ablehnende Haltung.Der Präsident der Akademie, der Münchner Historiker Christian Meier unterstrich noch eimal, daß die Sprache "kein Verfügungsgut des Staates" sein, daß die Akademie jedoch bereit wäre, über eine Reform der Reform zu verhandeln.Er bedauerte, daß die Kritik seiner Institution bei ausnahmslos allen Kultusministerien bisher nur auf taube Ohren gestoßen sei. Die öffentlichen Veranstaltungen der Tagung hatten sich derweil anderen Barrikaden zugewandt: denen der Ideen.Das Motto selbst war dieses Mal nicht so eindeutig wie sonst.Und doch: die Losung, so Christian Meier, verweise auf jene, die das Denken, das Dichten und die geistige Auseinandersetzung zu schätzen wissen.Das zentrale Thema, das sich schließlich aus den vielen verschiedenen Veranstaltungen herausschälte, betraf dann auch den politisch-sozialen und intellektuellen Konflikt, der heute die ungarische Intelligenz tief spaltet, gleichzeitig aber auch gewisse innereuropäische Diskussionen miteinbezieht. Laszlo Földényi stellte gleich zu Beginn der Tagung die Frage nach dem Verhältnis von Literatur und nationaler Identität.Inwieweit ist die Literatur verpflichtet, als Ausdruck der Erfahrung unterschiedlicher Gruppen und Ethnien, ihre nationale Bildhaftigkeit zu sprengen? Wie kann sie ihrer Nation das Universale näherbringen, aber auch ihre ganz eigene kulturell-nationale Erfahrung anderen Völkern vermitteln? Dieses Doppelspiel aus Nähe und Ferne, aus kultureller Eigenheit und dem Wunsch, gerade durch das spezifisch Eigene das universell-menschliche mitzuteilen, kennzeichne generell die Arbeit von Künstlern und Schriftsteller in aller Welt.Hier stellte Földényi eine weitere wichtige Frage: nämlich die nach dem goldenen Mittelweg zwischen kultureller Neudefinition der Nation und zu großer nationaler Abgrenzung.Und man bemerkte im Laufe der Diskussionen, daß das Pendel immer noch sehr zwischen den Extremen, zwischen der Angst vor übersteigerten Ausformungen nationalen Denkens auf der einen Seite und vor einem farblos-uniformen Internationalismus auf der anderen Seite hin und her schwankt.Neue Wege wurden hier aber nicht erkennbar. Die Diskussionen und Vorträge standen ganz im Zeichen der gewohnten Thematisierung der Vergangenheit: Schmerz und Leid der Verfolgten als Warnung vor einer neuen nationalistisch-faschistischen Gefahr. Wichtige Aspekte der neueren Geschichte blieben jedoch ausgespart.Das betraf vor allem den brutalen Prozeß der Sowjetisierung, dem nicht nur Ungarn ausgesetzt war.Denn die so typisch mittelosteuropäische Suche nach einer neuen, nationalen Eigendefinition muß bei weitem nicht immer eine blinde Rückkehr zu den altnationalistischen Werten der dreißiger und vierziger Jahre bedeuten.Sie ist im wesentlichen auch eine Auseinandersetzung mit einem kulturnegierenden, totalitären Internationalismus sowjetischer Prägung, der jahrzehntelang einer bunten Vielvölkerregion sein Grau in Grau aufgezwungen hat. Daß all dies während der Tagung kaum Erwähnung fand, hing nicht zuletzt damit zusammen, daß gerade jene Vertreter der ungarischen Intelligenz nicht geladen worden waren, die diese nationale Neuorientierung mit all ihrem Für und Wider thematisieren.Hier stieß die Liebe zur Auseinandersetzung offensichtlich an ihre Grenzen.Und gerade das ist sehr bedauerlich.Denn einerseits war zu erkennen, daß über die tiefe Kluft zwischen dem "liberal-kosmopolitischen" und den "liberal-konservativen" Lagern immer noch keine Brücke führt.Andererseits wurde der versammelten deutschen Presse - die die komplexen historischen und sozialen Hintergründe dieses Streites kaum kennt - wieder einmal ein leicht schiefes Bild von Ungarn vermittelt.Nämlich jenes von den guten "Kosmopoliten" und dem tendenziell nationalistischen Rest des Landes.Ob aber eine solche Schwarz-Weiß-Malerie mit Blick auf die Frankfurter Buchmesse und auf die von allen so herbeigesehnte Integration Ungarns ins EU-Europa förderlich ist, bleibt vorerst dahingestellt.

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