Kultur : Die Bauleute

Zwischen Gaza und Europa: Vom Verschwinden des jüdischen Kosmopoliten

A. S. Bruckstein Çoruh
Beste Location Gaza-Streifen:
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„Ruhig, lichtdurchflutet, Garten. 120 m² Garage.“ Ich stehe vor den Arbeiten des Künstlers Taysir Batniji im panarabischen Pavillon der Biennale von Venedig. Es herrscht Gedränge. Sechzehn beleuchtete Schautafeln einer imaginären Immobilienfirma zeigen Photos und Maklertexte eleganter Villen im Gazastreifen nebst Photos ihrer Zerstörung. Schutthaufen von Häusern, die während des Gazakrieges 2008 von der israelischen Armee zerbombt wurden. Auf genialische Weise baut der Künstler auf die visuelle Vorstellungskraft der Intaktheit friedlicher Verhältnisse und lässt damit den Akt der Zerstörung durch die krasse Diskrepanz zwischen Sprache und Bild immer wieder vor Augen treten.

Die Arbeit des palästinensischen Künstlers löst rege Kommentare aus, hinter mir steht eine Gruppe von Geschäftsleuten, keine Kunstkenner, sie finden die Arbeit witzig und lachen, „what a fantastic work. I like it, I am just looking for an appartment, you know.“ Ich bin schockiert. Dann höre ich etwas anderes: Ein Gespräch, auf Deutsch, eine junge Frau sagt: „Ein Wohnhaus, in dem 48 Personen lebten, das Lebenswerk einer ganzen Familie. Zerstörung von Häusern als kollektive Strafe. Und wir können nicht darüber sprechen. In Deutschland wird man damit zum Antisemiten.“

Schade, dass ich es verpasst habe, mich der Gruppe vorzustellen. Nicht etwa, um daran zu erinnern, dass es auf der ganzen Welt eine wachsende Anzahl jüdischer Gruppierungen gibt, die die Politik des israelischen Staates, seine militärische Unterdrückung der palästinensischen Bevölkerung und seine Politik der Apartheid im Namen der jüdischen Tradition selbst ablehnen: „Nicht in unserem Namen!“ Obwohl das auch wichtig gewesen wäre.

„In Deutschland wird man damit zum Antisemiten.“ Schade, dass ich nichts gesagt habe. Nicht etwa, um den Gemeinplatz „Antizionismus ist Antisemitismus“ und seine Geschichte Revue passieren zu lassen. Denn die beschämende Geschichte kolonial agierender europäischer Nationalstaaten ist sicherlich keine jüdische Erfindung, wie denn der Angriff auf seine spezifisch israelische Ausprägung auch kein Antisemitismus ist. Die europäische Kolonialgeschichte, zu der die Geschichte des Zionismus zweifellos gehört, ist vielmehr tief im 19. Jahrhundert der westlichen Moderne verankert.

Wer verstehen möchte, wie sehr die Idee des europäischen Nationalstaates, seine Geste der kolonialen Unterwerfung „primitiver Völker“, mit all den Konsequenzen territorialer Abgrenzung, der Ausübung von militärischer Gewalt, der kollektiven Unterdrückung der „im Lande Ansässigen“ notwendigerweise auch an die politischen Strukturen des Staates Israels rührt, der lese Ilan Pappes Buch „Die ethnische Säuberung Palästinas“. Oder aber den Essay des palästinensischen Gelehrten Abdul-Rahim Al-Shaikh im Katalog zur Berliner Ausstellung „Taswir – Islamische Bildwelten und Moderne“ im Martin-Gropius-Bau 2009; ein Essay über das unfreiwillige Nomadentum der zeitgenössischen palästinensischen Künstler im Exil.

Den Aufruhr, den dieser Aufsatz und die Liaison einiger weniger jüdischer und arabischer Intellektueller in ihrer Kritik neokolonialer Gewalt bewirkt hat, zeigt ein Verschwinden jener kosmopolitischer Traditionen an, die das Selbstbild des jüdischen Intellektuellen über Jahrhunderte hinweg mit Stolz erfüllt haben: das Bewusstsein, dass der Widerstand gegen Unterdrückung, Rassismus und Apartheid eine jüdische Tugend war; dass das Eintreten für Gerechtigkeit und Frieden zum jüdischen Habitus gehörte. „Es soll keine jüdische politische Souveränität geben, bevor der Krieg nicht abgeschafft, die Armut nicht beseitigt ist“, so heißt es bei Moses Maimonides, dem arabischen jüdischen Gelehrten des 13. Jahrhunderts in seinem rabbinischen Kodex Mishne Tora, der bis heute Gültigkeit hat.

Als der libanesische Filmemacher Akram Zaatari kürzlich in Berlin einen seiner neuen Filme zeigte, stellte ihm anschließend jemand eine Frage nach seinem Verhältnis zu Israel. Seine Antwort wirkte auf mich wie die Besiegelung eines traumatischen Verschwindens. Die Israelis, so sagte er, die Juden also, denn wie sollte die Welt es noch unterscheiden können, bei so wenig kollektivem Widerspruch, täten ihm manchmal leid in ihrer Bindung an die Grenzen der Heimat, ihrer obsessiven Verteidigung von Boden und Territorium, ihrem unauflöslichen Verhältnis zum Militär. Vertauschte Fronten: Bei allem Leid, so Akram Zaatari, habe der Status des Exils des heimatlosen Palästinensers doch den Vorzug der kosmopolitischen Utopie, der Kraft der moralischen Überlegenheit, der Vision politischer Gerechtigkeit.

Kosmopolitismus und Staatstreue schließen sich aus. Man kann Grenzen entweder verteidigen, oder überschreiten. In Westeuropa wurde die Figur des jüdisch-muslimisch-arabischen Kosmopoliten doppelt und dreifach verraten und verkauft. Das Zitieren universaler arabischsprachiger Traditionen jüdischer und muslimischer Autoren des 11. bis 13. Jahrhundert war zu Zeiten der Renaissance unter Todesstrafe verboten. Aufklärung blieb für das spätere europäische Bildungsbürgertum ein exklusives Vorrecht der Christen, auch Moses Mendelssohn wurde in Berlin öffentlich zur Taufe gebeten, bei so viel Kosmopolitismus.

Der Antisemitismus des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts erstickte die Rezeption der jüdischen Treue zu Bach, Goethe und Kant. Und nach der Verfolgung, Vergasung, Verbrennung folgte die schuldbehaftete und reflexhafte Zensur aller noch überlebenden Regungen dieser selten gewordenen Spezies des jüdischen Kosmopoliten, folgte die Verbannung alles Jüdischen auf Stätten der Erinnerungskultur, auf Orte der Mahnung, des Todes. Ohne Schoah kein Judentum, ohne (israelische) Staatstreue keine Wiedergutmachung, kaum ein Ort jüdischen Lernens ohne Fahne – und kein Talmud, kein rabbinisches Judentum, kein Hebräisch, Aramäisch oder Arabisch in öffentlichen deutschen Schulen.

Was ich also gerne ins Gespräch gebracht hätte, ist die Trauer über das Verschwinden des jüdischen Kosmopoliten. Trauerarbeit muss Widerstand gegen das Verschwinden werden. Aber bitte nicht in Form von Staatstreue und Fahne! Sondern , wer gäbe es, Solidarität mit Bauleuten der Diaspora wie Taysir Batniji, Daniel Boyarin, Amnon Raz-Krokozkin, Ilan Pappe, Abdul-Rahim Al Shaikh.

Wir brauchen eine neue kosmopolitische jüdisch-arabische „gelehrte Körperschaft“, die die Quellen ihrer Tradition kennt, Staatsgewalt und Apartheid beim Namen nennt, und weiß: die Lebendigkeit der Umma kennt keine ideologischen Grenzen. Wir, deren Kinder in Jerusalem geboren sind, die mit der Schrift aufwuchsen, und den Sabbat lieben, verabscheuen das Militär und die Apartheid. Wer gäbe es, dass wir aus Berlin in ein Palästina aller seiner Bürger zurückkehrten. „Dies mein verfrühtes ‚Wir‘!“, das sind Worte Franz Rosenzweigs aus einem offenen Brief an Martin Buber mit dem Titel: „Die Bauleute“.

Die Autorin ist Kulturwissenschaftlerin und lebt in Berlin. 2009 kuratierte sie im Martin-Gropius-Bau die Ausstellung „Taswir – Islamische Bildwelten und Moderne“. Zur Zeit ist sie Fellow des Käte Hamburger Kollegs „Recht als Kultur“ in Bonn.

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