Kultur : Die Baustelle ist ein Leben

Flüchtlingsgeschichte aus Iran: „Baran“ von Majid Majidi

Christina Tilmann

Winter im Iran. Schnee auf den Bergen, Matsch in den Straßen. Noch hat man Michael Winterbottoms Bilder vor Augen, der in seinem Berlinale-Siegerfilm „In This World“ einen Flüchtlingsjungen von Pakistan über den Iran nach Europa schickt, quer durch Länder, Sprachen, Religionen. Majid Majidis „Baran“ zeigt dagegen die Innensicht im Iran: Das Leben auf einer Baustelle in Teheran, auf der auch afghanische Schwarzarbeiter beschäftigt sind.

Wie der örtliche Bauunternehmer versucht, die Härten der Illegalität mit fürsorglicher Väterlichkeit auszugleichen; wie die iranischen Arbeiter gegenüber den Flüchtlingen auf ihr Recht (und ihre reguläre Bezahlung) pochen; wie die Afghanen ständig auf dem Sprung, auf der Flucht vor den Kontrollbeamten sind und sich in den Barackendörfern am Stadtrand doch häuslich eingerichtet haben: Der Film blickt auf eine Gesellschaft, die sich flexibel im Halblegalen eingerichtet hat, ohne Fremdenfeindlichkeit, ohne Fanatismus – auf eine permissive Welt, die wenig zum Zerrbild eines künftigen Kriegsschauplatzes passen will.

Dass „Baran“, der schon auf den Festivals von Teheran, Montreal und New York gefeiert wurde, nun in diesen aktuellen Zusammenhang rückt, verschiebt die Akzente. Denn eigentlich hat Regisseur Majid Mijidi eine märchenhafte Romeo- und Julia-Geschichte erzählt. Die eines Tunichtguts, eines großen Jungen und Zuarbeiters auf dem Bau, der sich in ein afghanisches Flüchtlingsmädchen verliebt, das als Junge verkleidet auf der Baustelle arbeitet. Wie dieser Lateef (Hossein Abendini) vom Kampfhahn zum Beschützer wird, wie er lernt, Verantwortung zu übernehmen – das ist rührend, wenn auch nicht sehr realistisch.

Die überanstrengten Frauen, die aus dem eisigen Fluss Steine aufsammeln müssen, der weise Blinde, der Lateef weiterhilft, geben dem Film einen stark melodramatischen Ton. Doch die Enttäuschung, dass alle Mühen am Ende vergeblich sind, dass die Welt – und die Rolle, die den Frauen im Iran zugestanden wird – sich nicht ändern werden, nur weil ein junger Mensch leidenschaftlich dafür gekämpft hat, teilt die Hauptfigur mit dem Zuschauer.

Aber vielleicht ist es genau das, was Majidi klarmachen will. Der Regisseur, der wegen der Zensur in Iran bislang hauptsächlich mit Kindern gearbeitet hat – „Kinder des Himmels“ erzählt von einem Geschwisterpaar, das sich das einzige Paar Schuhe teilt, „Farben des Paradieses“ schildert die märchenhafte Geschichte eines kleinen blinden Jungen –, nimmt sich mit „Baran“ zum ersten Mal eine Liebesgeschichte zwischen Erwachsenen vor. In einem Land, in dem Frauen in der Öffentlichkeit ihr Haar bedecken und ihren Körper in weiten Gewändern verhüllen müssen, ist eine Szene wie die, in der Lateef beobachtet, wie der vermeintliche Junge Baran sein langes Haar kämmt, schon ein mutiger Schritt. Und wenn Baran am Ende, bevor sie nach Afghanistan zurückkehrt, nach einem langen Blick den Schleier über ihr Gesicht fallen lässt, ist das wie das Zuschlagen einer Kerkertür. Es ist kein Märchen, das Majid diesmal erzählt.

Balazs, fsk am Oranienplatz (OmU) und

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