Kultur : Die beiden Schlösser heißen Kammerspiele und Residenztheater (Glosse)

Peter Becker

Theater, das ist Kampf und Religion. "Ich glaube an die Unsterblichkeit des Theaters", verkündet ein Neuberliner Theatermacher gerade vom Umschlag der ihm gewidmeten Biographie. Etwas sportlicher hat es vor 70 Jahren schon ein Vorgänger von Peymann ausgedrückt. Damals war man in Berlin in Sorge, dass die zunehmende Popularität von Boxkämpfen dem Theater als Abendunterhaltung den Garaus machen könne, zumal immer mehr zigarrenrauchende Intellektuelle dem neuen Massenspektakel frönten. Brecht forderte daauf in einer Zeitungsumfrage zur Zukunft des Theaters die Aufhebung des Rauchverbots im Parkett (um die Lebenserwartung von Abonnneten und Kritikern zu verkürzen?). Der große und damals, 1928, naturgemäß noch junge Kortner (auch er Zigarrenraucher) fand alle Besorgnisse ebenso unsinnig wie utopie- und sonstwie umwölkte Reformvorschläge, da das Berufsboxen als Greenhorn einen "so alten Champion" wie das Theater (mit zweitausend Jahren Kampferfahrung) nie und nimmer auf die Bretter zu schicken vermöge. Eher schlüge der Altmeister irgendwann selbst zurück.

Nun hat das Theater gemeinsam mit dem Boxen überlebt (auch das Theater ist ja bisweilen ein Faust-Kämpfer...). Zwar gibt es keinen Ali und keinen Kortner mehr, dafür haben wir Peymann und Don King. Und es gibt es in dieser medial schnellsten aller Zeiten noch Geschichten, wie sie früher nur das unsterbliche, langewährende Märchen schrieb. Beispielsweise sind im Jahr 1983 in der Stadt München zwei Prinzen gleichzeitig zu Königen geworden, in zwei einander fast gegenüberliegenden Schlössern. Die beiden Schlösser heißen Kammerspiele und Residenztheater, das eine ist ein Stadtschloss, das andere ein Staatsschloss, im einen regiert der nämliche König D. noch heute - was in Zeiten, in denen die Könige ständig die Reiche wechseln und umgekehrt, sehr selten ist. Dagegen hat König B. von seinem Residenztheater das eine ums andere Mal gewechselt. Jetzt aber, nach solcher Odyssee, kehrt er 2001 in die Stadt M. zurück. In das Schloß von König D., der sich daraus nur mit Groll vertreiben lässt. So stand es bis gestern. Nun allerdings melden die Herolde, dass König D. zur Entschädigung 2001 aus seinem Schlösschen in die größere Residenz gegenüber ziehen wird, mitsamt seinem Troß, mit schönen Frauen (eine mit Vornamen Sunnyi ist inzwischen selbst eine Prinzessin) und mit schier unbesiegbaren Recken wie Lord Boysen und Duke Holtzmann. Ein Märchen, aus uralten, aus allerneuesten Theaterzeiten.

So also werden sich Dieter Dorn und Frank Baumbauer als Intendanten nach fast 20 Jahren wieder gegenübersitzen. An den vertauschten Plätzen nochmals gegeneinander spielen. Das ist für München und das deutsche Theater, das auch ein künstlerisches, personelles und atmosphärisches Netzwerk spinnt, eine gute Nachricht. So bleibt das legendäre Dorn-Kammerspiele-Ensemble auf der anderen Straßenseite wohl weitgehend intakt - und Frank Baumbauer, der mit seiner Hamburger Erfolgserfahrung kommt, kann unbelasteter, doch mit herausfordernder Konkurrenz die Kammerspiele neu orientieren. Dorn aber, der die Klassiker auf dem kleinen Raum seines Jugenstil-Schmuckkastens groß, dekorativ und auch explosiv machte, muss im voluminöseren Residenztheater ein neues Format (er)finden. Er hat den kürzeren Weg - und den schwereren Gang. Das kann spannend werden.

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