Kultur : Die Berlier Galerie Schipper + Krome zeigt Roth Stauffenberg

Peter Herbstreuth

Die Pressemitteilung ist mit vier Seiten wohl die längste, die eine Privatgalerie in den letzten Jahren verschickt hat. "Christoph Roth und Franz Stauffenberg haben in der Vergangenheit immer wieder projektspezifisch zusammengearbeitet", beginnt sie und zählt zunächst auf, wo die Künstler bereits kooperierten. Das hat nichts mit der Ausstellung zu tun, soll aber Eindruck machen. Biennale Venedig. Filmuseum München. PS 1 New York. Festivals. Roth arbeitet bei Werbefilmen als Cutter. Stauffenberg beschäftigt sich mit "modularen Architekturen der Netzwerke" und entwirft als Berater "dynamische Finanzierungsmodelle".

Ihre Ausstellung "Schuß-Gegenschuß" ist das Ergebnis eines Dialogs, der nicht wie ihre Brotarbeit in erster Linie der Verwertung unterliegt. Als Team RothStauffenberg zeigen sie, was sie in die Waagschale der Kunst zu werfen haben. Wie die Werke von Thomas Hirschhorn und Jonathan Meese nehmen sie es mit der Überfülle von Informationen und Bildern auf, indem sie die Wucht der Gleichzeitkeit zu ordnen und zu individualisieren versuchen. Dabei lassen sie sich von der Technik und Verwaltung von Medienbildern ebenso sehr faszinieren wie Computerfreaks von einer neuen Hackordnung und behalten außer den Bildern das Netzwerk der Kunstwelt im Blick, in das hineinzukommen und in dem zu surfen auch nicht ganz einfach ist.

Sie verwenden Bilder, die in Filmarchiven digitalisiert und abrufbar lagern. Wer die Codes kennt, kann sich gezielt bedienen. Sie kennen sie und haben aus der Bilderfülle zwei kurze Filme in verschiedenen Versionen geschnitten. Denn Versionen vermeiden den Schein, es gäbe eine Notwendigkeit, ein So-und-nicht-anders in der Organisation der Bilder. Der Nachdruck auf Möglichkeiten befreit vor endgültigen Entscheidungen. In Werbe- und Kinofilmen gibt es immer den final cut. In der bildenden Kunst ist die Variabilität eines Werks aus ästhetischen Überzeugungen nicht nur seit langem üblich, sie erweitert auch das Angebot der Galerie mit Gleichwertigem. Daher passen Varianten ästhetisch und ökonomisch zusammen.

Eine kleine Pointe liegt darin, dass RothStauffenberg in ihrem Sampling auf Filme wie "Blue Velvet", "Giganten" und "Armageddon" zurückgreifen, die dem Programm, das "Premiere World" im Februar sendet, vorgreift. Doch worum es geht, ist die Organisation des Bildachivs für eigene Zwecke. RothStauffenberg setzen eine vertikale Zeitachse, an die sie kunstvoll - in der Art von Peter Greenaways "Drowning by Numbers" - die Szenen auffädeln und hohe Intensität durch Gegenbewegungen erzeugen. So entstehen Filme gleichsam im Konjunktiv.

In "Pacific Ocean" lassen sie die Dialoge von Astronauten mit der Bodenstation beim Fall aus dem All sprechen und schneiden Bilder des Alltags auf der Erde dazwischen. Die Dialoge werden von jungen Leuten in Straßenkleidung mit ausdruckslosem Gesicht gesprochen. Diese Verfremdung steigert die Vorstellungskraft, während die Kapsel unsichtbar auf die Oberfläche des Pazifiks zurast. Leerstellen des Realzeitdialogs füllen die Zwischenschnitte mit Kinobildern. Fiktion und Dokument blenden ineinander und heben sich auf. Der Film endet abrupt. Eine Stimme sagt: "Gelandet". Danach flackert und zuckt das Videoband. Die sexuellen Konnotationen sind überdeutlich.

Der kleine Film wirft alles in die Waagschale - Plot, Dramatik, Timing - um kein Missverständnis aufkommen zu lassen. Während sich die Schnipsel aus dem Archiv wie ein Bildersturz einblenden, entsteht die Vorstellung von Anderem. Die Varianten sind Spitzen des Eisbergs aus dem Netz von Möglichkeiten, deren Verknüpfungen sie technisch durchspielen, um gleichsam auf Elementarteilchen zu deuten.Galerie Schipper + Krome, Auguststraße 69

bis 26. Februar; Dienstag bis Sonnabend 11-18 Uhr.

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