• Die Berliner Festwochen bescheren dem epischen Stück von Imre Madach aus dem Jahr 1860 eine digitale Adaption

Kultur : Die Berliner Festwochen bescheren dem epischen Stück von Imre Madach aus dem Jahr 1860 eine digitale Adaption

Rüdiger Schaper

Gott kann man nicht entkommen. Faust hat es versucht. Adam auch. Eva war Mephisto. Eva (im Paradies lebten sie ohne Sex) holte den Apfel herunter, und es gehört zu den Geniestreichen des 20. Jahrhunderts, dass die kalifornischen Computerpioniere ihren Hausaltären einen angebissenen Apfel als Markenzeichen aufdrückten. Nun wissen wir: Wenn es einen Gott gibt, dann existiert er zwischen Bildschirm und Festplatte. Ohne das können wir nicht mehr.

Beim "Theater der Welt" haben wir es erlebt, bei den Festwochen geht der Siegeszug der Computer-Götter weiter: Große Texte der Weltliteratur, die sich mit den ersten und letzten Dingen beschäftigen, lösen sich in High-Tech-Versionen auf. Was die New Yorker Wooster Group seit Jahren praktiziert, erfährt bei den Ensembles aus Osteuropa über die Technik noch einmal eine metaphysische Vertiefung.

"Die Tragödie des Menschen" von Imre Madach gilt als ungarischer "Faust" - und idealistisch-freiheitlicher Wiedergänger Dantes. Um das Jahr 1860 entstanden, vagabundiert das Versepos durch die Weltgeschichte. Ägypten, Athen, Rom und Byzanz, das Paris der Guillotine, der Weltraum schließlich sind die Stationen, die Adam und Eva überfliegen. Madachs Protagonisten erleben eine Enttäuschung nach der anderen. Der Fortschritt der Menschheit stellt sich als Verfeinerung der Torturen dar. Die Gefängnisse werden immer raffinierter.

Ein Computerlaboratorium. Ein Fernsehstudio. Ein Konferenzraum: Der Budapester Regisseur Laszlo Hudi setzt seine Schauspieler auf einen elektronischen Präsentierteller. Business-like gekleidete, gut aussehende junge Menschen sind eingesperrt, arbeiten, agieren sich aus in einer Art interaktivem Museum. Was übrig blieb von den alten Zivilisationen, von abendländischer Bildung - Mumiensarg, griechische Säule, Robespierres Fallbeil, Hamlets Totenkopf -, liegt wie Treibholz am Strand eines Computer-Ozeans. Hudi und Mozgo Haz/Moving House Company bringen das Publikum in den Sophiensälen auf einen Trip. Videowände, Monitore zeichnen ein flackerndes, entferntes Bild der Welt, in der wir leben: einen kybernetischen Dom. Deus ex machina: Die Bilderwelt der Klassiker realisiert sich über die Möglichkeiten des Computers erst.

Schön anzuschauen, sehr weit weg: Adam und Eva, hier verdoppelt und verdreifacht, nehmen die Weltgeschichte als Benutzeroberfläche. Geilheit, körperliche Lust: Das kommt, elektronisch gefiltert und verstärkt, aus dem Kopf und verbindet sich mit ausgeklügelter S&M-Phantasie. Eva hat mit ihren hochhackigen Lackschuhen Äpfel aufgespießt. Münder werden mit ärztlichen Werkzeugen gespreizt, eine schöne Frau trägt Armprothesen aus Knochen, als wäre sie schon halb verwest. Filme mit astronomischen Phänomenen laufen über den Köpfen der Akteure, die aktive Opfer und zugleich passive Täter zu sein scheinen. Wenn Menschen sich paaren, beginnt mit Sperma und Eizelle das lange Elend, der ewige Kreislauf der politischen, wissenschaftlichen, künstlerischen Ideen - und Katastrophen - noch einmal von vorn. Ein Mysterienspiel ab ovo am Ende des 20. Jahrhunderts: So viel Gott(suche) gab es im Theater lange nicht.

Elf Jahre ist es her, dass wir Madachs "Tragödie des Menschen" in Berlin gesehen haben in der vielstündigen Monster-Aufführung des Jugoslawen Ljubisa Ristic. Und was heute bei den Ungarn die Computer-Theologie ist, war seinerzeit linke Romantik. Ristic hatte die Roten Brigaden und die RAF in sein Welt-Drama eingebaut. Ristic, damals in Subotica Theaterleiter, der alten k. und k.-Stadt nahe der ungarischen Grenze, betrachtete seine Arbeit als Utopie eines Vielvölkerstaates. Heute muss man diesen Regisseur dem serbischen Nationalismus zurechnen. Und wie aufreizend wirkt angesichts solcher Erinnerungen das Schlussbild des herausragenden Festwochen-Gastspiels aus Budapest: Evas schwangerer Bauch auf allen Monitoren. Diese anschwellende Vision - von einem neuen Adam? Von Vergewaltigung und Mord und Krieg? Der Apfel war faul. Mit Viren verseucht. Ein memento mori: Wo holen wir uns den letzten Klick?

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