Kultur : Die Berliner Galerie Asian Fine Arts zeigt neue Installationen von Ik-Joong Kang

Katrin Bettina Müller

Mehr noch als der Raum trennt die Zeit die beiden Figuren, die Ik-Joong Kang in einer befremdlichen Installation gegeneinander antreten lässt: Bruce Lee und die Muttergottes. Bruce Lee ist aus Gips, mit Reis beklebt und verkörpert so Asienklischees im Doppelpack. Am Start eines roten Laufstegs geht er in Abwehrhaltung gegenüber einer christlichen Altarwand am anderen Ende. Eine Schrift zu seinen Füßen erinnert an den Boxer-Aufstand 1900, als in China die Revolte gegen deutsche und englische Kolonialmächte ausbrach. Von diesem Datum aus ist der Zorn der Figur gegenüber der christlichen Ideologie zu verstehen; zugleich wird die Herkunft des westlichen Klischees vom Asiaten als Kämpfer offengelegt.

Ganz anders aber erzählt Kang die Geschichte am anderen Ende seiner Installation. Da ist der gotische Doppelbogen der Altarwand aus über tausend kleinen hölzernen Quadraten zusammengesetzt, die er mit Marien bemalt hat. Sie könnten sich gleichen wie Schablonen, und doch weicht jede ein wenig von den anderen ab, als wären die farbigen Schichten von Rot und Gold abgenutzt von Alter, Küssen und Kerzenrauch. In dieser Vervielfältigung der Muttergottes verschmilzt die christliche Vorstellung vom Individuum mit dem buddhistischen Vertrauen in die Vielheit. Dreht man den Madonnen den Rücken, sieht man Vögel auf einer Leinwand durch den Abendhimmel fliegen; ein friedliches Bild. Es kommt also auf den Standpunkt an, ob man die Installation "Enter the Heaven" als eine Geschichte der Konfrontation oder der Hoffnung auf gemeinsame Himmel liest.

Die Kirchen von Aachen, Köln und Venedig könnten die Entstehung dieses Ensembles beeinflusst haben, denn in diese Städte brachte den jungen koreanischen Künstler sein internationaler Erfolg in den letzten Jahren. Seine Bildtäfelchen sind zu einem schnellen Erkennungsmerkmal geworden. Dabei verändert sich ihr Material - Keramik, Schokolade, Leinwand, Holzschnitt - ebenso wie ihr Bild- und Schriftprogramm. Mit den Jahren werden sie zu einer Fortsetzungsgeschichte, die von Kangs Ankunft als Immigrant in den USA, von seinen Jobs, der erzwungenen Mobilität, wirtschaftlichen Zwängen, sprachlichen Differenzen und kulturellen Unterschieden erzählt.

Seit 1984 lebt Kang in New York. Sein Gespür für die Möglichkeiten des Crossover aber setzte schon viel früher ein. Aufgewachsen nahe einer amerikanischen Militärbasis in Süd-Korea, boten ihm SouvenirShops seit jeher reichen Stoff, sich mit Kitsch und Klischees auseinanderzusetzen. Es gibt in seinem Universum keine Kultur, die nicht schon durch die Rezeptionshaltung der anderen beeinflusst und geschliffen wäre. So steht in den 112 Bildblöcken der Tafel "Ho-Ho" (1999, 17 500 Mark) lateinische Schrift neben Kalligraphie, holzschnittartig verkürzte Piktogramme neben Namen der amerikanischen Geografie. Die Symbole erscheinen dabei nicht selten militärisch unterwandert. Ein Dinosaurier und ein Flugzeug illustrieren "Gaze", eine Abgaswolke aus einem LKW steht für "Toxic". Den amerikanischen Staaten sind Namen von Generälen, Atomkraftwerken und Kampffliegern zugeordnet. Diese Aufrüstung der Bilderschrift markiert den Ursprung der Auseinandersetzung der Kulturen noch einmal im militärischen Konflikt.

Mit einem kollektiven Kinderkunstprojekt versucht Kang diese Prägung durch Feindbilder aufzubrechen. "100.000 Dreams" will er von Kindern aus Nord- und Süd-Korea sammeln, um ihre Vorstellungen und Zukunftswünsche kennenzulernen. Einer der ersten Ausstellungsorte war eine 500 Meter lang Gewächshausschlange in der demilitarisierten Zone an der Grenze zwischen Nord- und Südkorea. So folgt das Handeln des Künstlers einer politischen Ikonographie der Goodwill-Bekundung.Asian Fine Arts, Sophienstr. 18, bis 11. März; Dienstag bis Sonnabend 12-19 Uhr.

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