Kultur : Die Berliner Galerie Gebauer zeigt Videos von Aernout Mik

Ronald Berg

Der holländische Videokünstler Aernout Mik, Jahrgang 1962, hat die Räume der Galerei Gebauer seltsam verändert: Miks Videoprojektionen (die Laser bzw. DVD-Disks kosten zwischen 24 000 u. 27 000 Mark) laufen in den "Fenstern" von neu eingezogenen Wänden. Diese bis Augenhöhe reichenden architektonischen Eingriffe geben der verdunkelten Galerie eine andere Ordnung und strukturieren den Gang durch die Räume zu einem eigenwilligen Parcours: Mal stehen die neuen Wände schräg im Raum, mal präsentieren sie sich als gerade Absperrung, oder aber sie bilden ein etwas verschachteltes Rund.

In dieser weißen "Raumblase" ist "Softer Catwalk in Collapsing Rooms" zu sehen. Der Titel des Videos beschreibt ziemlich genau, was zu sehen ist: Einstürzende Neubauten und kollabierende Räume. Decken brechen ein, Wände stürzen um, und immer wieder prasseln große Steinbrocken auf das bereits verwüstete Mobiliar nieder. Die Kamera erfasst dieses desaströse Geschehen lakonisch in einem langsamem 180-Grad-Schwenk von rechts nach links und zurück. Der V-Effekt dabei: Inmitten dieser permanenten Katastrophe laufen Personen langsam und scheinbar völlig unbeteiligt umher. Während kiloschwere Gesteinsbrocken niedergehen, bahnen sie sich unerschrocken den Weg über Trümmer und Schutt. Die Welt geht unter, aber alle tun so, als ob gar nichts passiert.

Ein zweites Video variiert dieses Thema auf nicht minder skurrile Weise. Ein Mann und eine Frau liegen in einem Zimmer am Boden. Ihre entspannte Seitenlage wird allerdings dadurch gestört, dass der ganze Raum von einem rhythmischen Schütteln erfasst wird, das die beiden Protagonisten immer wieder in die Höhe wirft, um sie dann recht unsanft auf den Boden fallen zu lassen. Dieses permanente Beben des gesamten Raums präsentiert sich - wie stets in Miks Videos - ohne jeden Soundtrack vollkommen stumm. Aernout Mik benötigt für die Dramaturgie solcher Inszenierungen nicht nur trainierte Stunt-Leute, sondern auch eine aufwendige Studiokulisse oder - wie im letzteren Fall - einen Erdbebensimulationsraum, der den Ausnahmezustand als Normalität erscheinen lässt.

Das Video "Garage" hingegen ist ein Beispiel für Miks Beschäftigung mit dem Zwischenmenschlichen: In einer Kfz-Werkstatt kommen verschiedene Männer zusammen, um miteinander Orangensaft zu trinken. Was den Umtrunk ins Absurde versetzt, ist der Umstand, dass die Männer den Saft nach kurzer Zeit immer wieder ausspeien, so als gehöre dieses Gebaren einfach dazu. Der uns gewohnte Verhaltenskodex ist auf den Kopf gestellt, aber keiner stört sich dran. Das Trinken in der Männerrunde dient offenbar nicht der Ernährung, es stiftet Soziabilität.

Auch im letzten Video geht es um das Verhältnis des Menschen zu sich selbst, das in der seltsam verschobenen Inszenierung es alltäglich Erscheinenden gezeigt wird. Hier probt ein blutverkrusteter Mann mit zerfetzter Kleidung das Atmen: Jedes tiefe Einatmen erhebt ihn von seiner unsichtbaren Sitzgelegenheit, als würde er von dem Sauerstoff in die Höhe gepumpt. Das Überleben ist offenbar selbst schon eine erhebende Leistung, von der die anderen Leute im Hintergrund allerdings keinerlei Notiz nehmen. Unbeteiligt stehen diese, von denen man nur die Beine sieht, herum.

Miks abgründig-schwarzer Humor, das wird in diesen Variationen des alltäglichen Zusammenbruchs deutlich, zeigt die condition humaine als tragisch-komische Veranstaltung. Doch seine scheinbar absurde Welt ist wohl nur deshalb so amüsant, weil wir unsere für normal halten.Galerie Gebauer, Torstraße 220, bis 6. November; Dienstag bis Sonnabend 12-18 Uhr.

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