Kultur : Die Berliner Galerie Picture: Perfect zeigt historische Aufnahmen des alten Berlin

Elfi Kreis

"Berlin, wie haste Dir verändert!" - diesen Spruch in bester Berliner Mundart kennt man an der Spree nicht erst seit gestern. Wie aber hat sich die Stadt verändert? Aus den Blickwinkeln seiner Fotografen beleuchtet eine fünfteilige Ausstellungsreihe bei Picture: Perfekt diesen weitgefassten Fragekomplex. Innerhalb der nächsten beiden Jahre wollen Elke und Bodo Niemann unter dem Titel "Berlin photographisch" in loser Abfolge historisches Anschauungsmaterial vorstellen: Aufnahmen, in denen sich der Wandel der Stadt im Rhythmus der Straße, dem politischen Klima, dem Lebenstil seiner Bewohner und der jeweils neue Bebauung widerspiegelt.

In fünf Zeitepochen gegliedert, präsentieren sie eine Reihe, die von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis in die aktuelle Gegenwart führt. Der erste Teil dieser Geschichtsreise ist dem Zeitraum "Von der Reichsgründung bis zum Beginn der Weimarer Republik" gewidmet. Daran anschließen werden sich die zwanziger Jahre ("Neues Bauen und 2. Hinterhof"), eine fotografische Dokumentation "Von der Machtergreifung bis zur zertrümmerten Stadt" und eine Bildfolge zum Thema "Wiederaufbau und Teilung". Die letzte, bis in die aktuelle Gegenwart überleitende Schau trägt den Arbeitstitel "Stadt im Stillstand".

Bei der frühesten der in der ersten Präsentation gezeigten Aufnahmen handelt es sich um einen äußerst lichtempfindlichen Salzpapierabzug von Glasplatte. Die zartgelb verblichene Aufnahme enstand um 1852 und zeigt den von Peter Josef Lenné gestalteten Lustgarten vor dem Alten Museum (3000 Mark). Die Hängung der Ausstellung folgt jedoch nicht der Chronologie, sondern ist topografisch geordnet. Der fotografische Stadtbummel durch das alte Berlin beginnt am Brandenburger Tor: Man sieht den Pariser Platz mit dem 1848 errichteten Haus Sommer oder blickt vom Palais des Grafen Raczynski - an dessen Stelle 1884 der Reichstag errichtet wurde - auf die Siegessäule mit der Krolloper im Hintergrund. Dann geht es den Boulevard Unter den Linden entlang, vorbei an Schinkels Neuer Wache, dem Kronprinzenpalais und dem Reiterstandbild Friedrich des Großen. Auf einer F. Albert Schwartz zugeschriebenen Ansicht der Brücke entdeckt man noch den alten Berliner Dom, der 1892 abgerissen wurde.

Schwartz zählt neben dem um die Jahrhundertwende in Berlin arbeitenden Waldemar Titzenthaler zu den bekannteren Fotografen der Schau. Herausragend sind seine Abzüge auf Albuminpapier. Bei picture: perfect ist er vor allem mit Ansichten repräsentativer Gebäude der Innenstadt, mit großstädtischen Motiven vertreten. Immer wieder bietet er dem Flaneur seinen speziellen "Blick aus der Dachluke", leichte Aufsichten und Panoramablicke von einem erhöhten Standpunkt aus. Einzelgebäude zeigt er bevorzugt eingebunden in menschenleere Straßenensembles. Die Zeit scheint auf diesen sepiabraunen Abzügen stillzustehen, denn die Belichtungszeiten waren lang. Menschen in Bewegung und Fahrzeuge lösen sich auf, werden auf den Bildern allenfalls zu unscharfen Geisterschemen. Schwartz ist zugleich aber auch ein systematischer Chronist des alten Berlin, der in stillen Nebenstraßen seine Motive fand und sich gezielt mit seiner Kamera auf den Weg machte, historische Bauwerke noch wenige Tage vor ihrer Zerstörung präzise zu dokumentieren.

Waldemar Titzenthaler fotografiert 1901 den Blücherplatz und das Hallesche Tor, die Hochbahn ist gerade im Bau. Sein Szenerien wirken durch Straßenbahnen, Kutschen und Passanten belebter, und auch die Filme sind schon lichtempfindlicher. Für seine zart bläulich getönten Abzüge verwendete er sogenanntes Zelloidinpapier in einem speziellen Verfahren auf der Basis von Bromsalzen, das nur kurze Zeit in Gebrauch war.

Bei den von Picture: Perfect vorgestellten Bildern handelt es sich erstaunlicherweise nicht um Sammlungsbestände, sondern um über Jahre hinweg zusammengetragene Einzelstücke (800 bis 6000 Mark). Ein Großteil dieser Raritäten, alle Vitages, entdeckte das Galeristenpaar in Paris.Galerie Picture: Perfekt, Rosenthaler Str. 40-41, bis 30. Dezember; Mittwoch bis Freitag 13-18 Uhr, Sonnabend 12- 18 Uhr.

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