Kultur : Die Berliner Galerie Springer & Winckler zeigt Dieter Appelt

Ronald Berg

Dieter Appelt, Dekan der Fakultät bildende Kunst der Berliner Hochschule der Künste, galt bisher nicht unbedingt als Plastiker. Zwar kommen in den frühen Fotografien seiner Aktionen immer wieder selbstgefertigte Objekte vor, aber die waren nie Selbstzweck, sondern Requisiten. Dazu zählen der aus zusammengebundenen Stöckern über dem Wasser im Maß des eigenen Körpers errichtete "Augenturm", in dem Appelt saß, oder die verschiedenen hölzernen Gestelle, in denen er sich eingespannt hatte. Doch die Relikte dieser Aktionen blieben nicht immer erhalten. Hatten sie ihren Zweck erfüllt, wurden sie zum Teil einfach weggeworfen: Überlebt haben viele nur in Fotos. Pech für die Fans und Sammler. Die fragten Appelt deshalb irgendwann, ob sie diese Objekte nicht kaufen könnten. Mit dem "Membranobjekt" erfüllte Appelt ihnen diesen Wunsch. Das Original, ein mit Leinen bespanntes Holzgestell, diente 1978 als Requisite für die Aktion "Erinnerungsspur", bei der sich Appelt in dem Kasten fotografiert hatte.

Die jetzigen Ausstellung in der Galerie Springer & Winckler zeigt, dass es nicht allein beim Nachbau verloren gegangener Relikte geblieben ist. Appelt ist zum Plastiker geworden und die Skulptur zu einem eigenständiges Teil des Werks. Mit "Krone #3" (Preis auf Anfrage) präsentiert er das Modell eines geplanten Bronzegusses. Die aus den für ihn typischen Materialien Holz, Stoff und Gips gefertigte Bodenplastik besteht aus einer anderthalb Meter großen Scheibe, in der sechs Speichen auf das leere Zentrum weisen. Die weiße Farbe des Modells wird auch nach dem Guss durch den Auftrag von Kaolin erhalten bleiben.

Bei der kleineren Bronze "Nox" (18 000 Mark), eine für die Wand bestimmte kubische Plastik, kann man die Wirkung dieser Oberflächenbehandlung bereits studieren. Auch in dem fünfteiligen Fototableau "Parabel 2" (80 000 Mark) spielt das Motiv der Krone ein bedeutende Rolle, selbst wenn sie hier eher wie ein Geweih aussieht. Die fünf mittig geteilten Bilder zeigen Appelt in verschiedenen Ansichten mit einer Krone auf dem Kopf - mal von oben, mal von der Seite oder auch kopfüber. Zusätzlich kommt an zwei Stellen ein siebeneckiges Gebilde ins Bild, das Appelt als Grundriss eines Haus bezeichnet. In seiner konzentrischen Form weist dieses Haus tatsächlich große Ähnlichkeit zu einer von oben gesehenen Krone auf.

In "Parabel 2" geht es Appelt aber auch um den Körper als Instanz, in der die Differenz zwischen den Polen Geist und Materie kurzgeschlossen wird, da beide ursprünglich, vor unvorstellbar langer Zeit, einen gemeinsamen Grund hatten. Entwickelt wurde diese Denkfigur der sich durchdringenden Zeit von dem französischen Philosophen Henri Bergson. Auch für Appelt reicht die Erinnerung weit zurück, weit vor die Existenz des eigenen Körpers, der die Spuren des Vergangenen in sich bewahrt. Jeder erlebte Augenblick präsentiert sich ihm als Ergebnis von unendlich aufeinander geschichteten Momenten.

Das zu visualisieren, gelingt am ehesten noch dem Medium der Fotografie. Denn statt einfach eine Aufnahme zu machen, schichtet Appelt mehrere tausend Belichtungen aufeinander und überführt so die vergangenen Momente der Zeit in den Raum des Bildes. Motivisch wiederholt dieses große Fototableau zudem die Erinnerung an eine frühere Arbeit Appelts: die "Maiskrone" im Fotozyklus vom Monte Isola von 1976. Damals hatte sich Appelt Maisstauden um den Kopf gewunden und so eine Art von Krone getragen.

Bei "Parabel 2" hat er diese Form der Krone mit leinenumwickelten Holzknüppeln nachgebaut, sich auf den Kopf gesetzt und fotografiert. Dabei verwendete er selbstkonstruierte Instrumente, etwa eine Flügelblende im Verschluss des Fotoapparats - ähnlich wie in einer Filmkamera. Nur mittels einer solch ausgeklügelten fotografischen Technik lässt sich der Prozess der Schichtung veranschaulichen, denn Appelts Fotografien sind Synthesen von vergangenen Momenten, die anders nicht herzustellen wären. Die genaue Herstellung wird allerdings zeichnerisch genau geplant. Und neuerdings ergeben sich aus der Beschäftigung mit der gegenseitigen Durchdringung von Zeit und Raum auch plastische Derivate, die wie bei der "Krone #3" die Kategorien wie in einem Strudel fixieren.Galerie Springer & Winckler, Fasanenstr. 13; bis 13. November, Dienstag bis Freitag 10-13 u. 14.30-19 Uhr, Sonnabend 11-15 Uhr. Parallel ist von Dieter Appelt in der Akademie der Künste (Hanseatenweg 10, bis 9. Januar) im Rahmen der Reihe "Sehen und Denken" eine weitere Ausstellung mit dem Titel "Spiegelwelten" zu sehen.

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