Kultur : Die Berliner Location will "Frau Luna" spielen - und findet keine Finanziers

Frederik Hanssen

Die Berliner Luft ist dick in der Bar jeder Vernunft: Seit November 1998 bemühen sich die Bar-Manager Lutz Deisinger und Holger Klotzbach, die Finanzierung für eines der spannendsten Hauptstadtkulturprojekte der letzten Jahre auf die Beine zu stellen - vergeblich. Fünf Jahre nach der legendären Produktion des "Weissen Rössl" soll im kommenden Fühjahr wieder eine Operette durch das Spiegelzelt an der Schaperstraße fegen: Paul Linckes "Frau Luna". Das international gefeierte Regie-Duo Ursel und Karl-Ernst Herrmann arbeiten seit einem Jahr an der Konzeption für eine zeitgemäße, auf den Aufführungsort zugeschnittene Fassung der berlinischsten aller Berliner Operetten - ohne dass ihnen die Macher auch nur den Entwurf eines Vertrags präsentieren konnten. Einfach, weil sie Lust darauf haben, Linckes Mondfahrer im einmaligen Ambiente der Bar abheben zu lassen. Mit neuen Texten, die ihnen kein Geringerer als Robert Gernhardt schreiben will. Und mit Imogen Kogge, Otto Sander, Hans und August Diehl sowie der Pina-Bausch-Tänzerin Mechthild Grossmann auf der Bühne.

680 000 Mark soll das Operetten-Vergnügen kosten - und obwohl das nur ein Bruchteil der Summe ist, den so eine Inszenierung am Staatstheater verschlingen würde, haben die Bar-Keeper mittlerweile das Gefühl, sie suchten im wahrsten Operettenwortsinn nach "Schlössern, die im Mond liegen": Es will ihnen einfach nicht gelingen, auch nur eine Teilfinanzierung des ambitionierten Projekts auf die Beine zu stellen. Denn aufgrund der geringen Platzkapazitäten im Spiegelzelt ist es nur mit Kartenverkäufen einfach nicht zu bezahlen.

"Wir haben Förderanträge bei jeder nur erdenklichen Stelle eingereicht", seufzt Lutz Deisinger erschöpft. Von den Verteilern der Lottomittel wurde die Produktion mit der fadenscheinigen Begründung abgelehnt, man unterstütze grundsätzlich keine Theaterinszenierungen - obwohl es mehrere Gegenbeispiele aus den letzten Jahren gibt. Beim Off-Theater-Beirat des Senats konnten sie nicht landen, weil die erste Entertainment-Adresse der Haupstadt rein rechtlich eben nur Anspruch auf Basiskulturförderung hat. Beim Hauptstadtkulturfonds von Staatsminister Michael Naumann schließlich bekamen sie nicht mehr als die Auskunft, man sei vor der endgültigen Entscheidung Ende Juni über keinerlei Andeutung darüber bereit, welche Projekte die besten Chancen hätten.

Bei dem Gedanken daran, noch einmal sechs Wochen warten zu müssen, wird Lutz Deisinger grantig: "Künstler von der Qualität der Herrmanns kann man nicht endlos hinhalten. Die können ihre Auftragsbücher auch ohne die Bar jeder Vernunft dreifach füllen." Dasselbe gilt für die Edelmimen aus dem Schaubühnendunstkreis, die von Fernsehangeboten überschüttet werden. "Wenn wir in Berlin noch nicht einmal mit einem derartig hochkarätigen Projekt Aufmerksamkeit bei den staatlichen Geldgebern erwecken, können wir uns große Produktionen für die Zukunft gleich ganz abschminken", resümiert er frustiert.

Einen letzten Versuch aber haben die Macher jetzt doch noch gestartet. Am Dienstag dieser Woche schrieben sie Christoph Stölzl einen Brief, in dem sie darum bitten, wenigstens eine Teilfinanzierung in Aussicht gestellt zu bekommen - immer in der Hoffnung, dass man auf die Worte des neuen Kultursenators mehr geben kann als auf die "Bemühenszusagen" seines Vor-Vorgängers. Peter Radunskis Verspechen, sich für die Lincke-Geschichte in der Bar jeder Vernunft einzusetzen, hatten Klotzbach und Deisinger schon in der Tasche. Es war nicht der einzige ungedeckte Operetten-Scheck, den der "Zigeunerbaron" in der Berliner Szene verteilt hat. Frei nach dem "Frau Luna"-Motto: "Lasst den Kopf nicht hängen, Kinder, seid doch klug - es ist zum Bereuen dann noch Zeit genug!"

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