Die Berliner Philharmoniker mit Gustav Mahler : Mit Engelszungen

Zerklüftetes Terrain, Weltpanorama, Gänsehautmomente: Die Berliner Philharmoniker spielen Lachenmann und Mahlers Zweite - und gedenken Richard von Weizsäcker.

von
Simon Rattle
Simon RattleFoto: dpa

„Wir haben einen guten Freund verloren“, spricht Simon Rattle zu Beginn des Abends ins Mikrofon – und meint damit Richard von Weizsäcker. 1995 hatten die Berliner Philharmoniker ihn zum Ehrenmitglied ernannt, mit dem Recht, bei ihnen „jedes Instrument zu spielen“. Ein Privileg, von dem der bekennende Verehrer des Orchesters natürlich keinen Gebrauch machte. Umso öfter war er in den Sitzreihen der Philharmonie anzutreffen. Auf eine Geste des Dirigenten hin erheben sich Musiker wie Publikum, um von Weizsäckers still zu gedenken. Am Ende des Konzerts wird der Saal dann ein weiteres Mal auf den Beinen sein, zur Feier einer grandios geglückten Aufführung von Gustav Mahlers „Auferstehungs“-Sinfonie.

Dass Mahler eine Mammutbesetzung fordert, nutzt Rattle, um dem Werk Helmut Lachenmanns ebenfalls für sehr großes Ensemble geschriebenes „Tableau“ von 1989 voranzustellen. Ein Konzentrationsexerzitium für die Ausführenden – und ein Hingucker für die Zuhörer, der die Sinne schärft. Weil akustisch oft nicht auszumachen ist, aus welchem Instrument nun gerade welches geatmete, gewischte oder gerupfte Geräusch entspringt.

In Mahlers Zweiter dann werden die Philharmoniker zu Bergführern: Hochgradig vertraut ist ihnen das zerklüftete Terrain, schneidig schreiten sie voran, erklimmen Fortissimo-Gipfel, gewähren Blicke in Höllenschlünde, laden zur volksmusikalischen Verschnaufpause. So souverän in herrlichste Sanglichkeit übersetzt, hat das vom Komponisten aufgerissene Weltpanorama nichts Erschreckendes. Weil kein Absturz droht, weil alles stets Kunstwerk bleibt, philosophisch unterfüttert und rauschhaft zugleich, farbenprächtig, überwältigend.

Maximal theatralisch inszeniert Rattle die beiden Finalsätze, von Magdalena Kozenas Auftritt im weißen Kleid inmitten einer besonders dramatischen Klangentladung über den aus allerhöchster Block-G- Höhe antwortenden Fernchoral nach ihren ersten Worten bis hin zum Gänsehautmoment des Choreinsatzes. Mit Engelszungen intoniert der von Simon Halsey präparierte Rundfunkchor die tröstenden Klopstock-Worte, überhöht nur noch von Kate Royals Sopran, umbrandet von der Fülle des philharmonischen Wohllauts: „Aufersteh'n, ja aufersteh'n wirst du, mein Herz, im Nu!“

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